Der Massenmörder von Hanau: ein rassistischer einsamer Wolf


Das «Manifest» von Tobias R. liest sich wie die selbstgebastelte Weltanschauung eines psychisch schwer gestörten, fremdenfeindlichen Besserwissers. Pathologie und Ideologie gehen fliessend ineinander über. Und doch reiht sich die Tat ein in einen zunehmend militanten Rechtsextremismus in Deutschland.

Christoph Prantner | Neue Zürcher Zeitung

Eine Rettungsdecke hängt an einem Auto vor einer der beiden Shisha-Bars, in denen am Mittwochabend Schüsse gefallen sind. Michael Probst / AP

Die Gedankenwelt von Tobias R. einzuordnen, ist kein leichtes Unterfangen. Nach dem wenigen, was bis Donnerstag über ihn bekanntwurde, war der mutmassliche Massenmörder von Hanau ein derangierter Rassist, der diversen Verschwörungstheorien anhing. Das jedenfalls legen jene Videos und Texte nahe, die R. hinterlassen hat und die von den Ermittlern als authentisch angesehen werden. Darin ist von einem Geheimdienst die Rede, der Tausende Deutsche (auch ihn) überwache, deren Gedanken lese und sich sogar in deren Gehirne «einklinken» könne. Die Deutschen bezeichnet er als «reinrassig und wertvoll», andere Bevölkerungsgruppen dagegen fielen durch schlechtes Verhalten auf. Der Islam sei «destruktiv». Darüber hinaus ergeht sich der Bankkaufmann und Betriebswirt in Phantasien der Vernichtung von Milliarden von Menschen, Strategieempfehlungen für den Deutschen Fussball-Bund oder Ratschlägen an die USA für einen Krieg mit China.

Abstruse Verschwörungstheorien

Als potenzieller Gewalttäter aufgefallen war R. den deutschen Sicherheitsbehörden bis zur Bluttat von Mittwochnacht nicht. Er war weder polizeibekannt, noch trat er offen als Extremist in Erscheinung. In den Datenbanken der Verfassungsschützer gab es keinerlei Einträge über den 43-Jährigen. Allerdings soll er nach eigenen Angaben selbst mehrfach bei der Polizei vorstellig geworden sein, um seine Weltsicht darzulegen und Anzeige zu erstatten. Die Behörden, erklärte der hessische Innenminister Peter Beuth, gingen von einem rechtsextremen Hintergrund der Tat aus. Generalbundesanwalt Peter Frank bezeichnete die Dokumente auf R.s Website am Donnerstag als «wirre Gedanken und abstruse Verschwörungstheorien», die eine «zutiefst rassistische Gesinnung» zeigten. Deswegen habe der Generalbundesanwalt die Ermittlungen an sich gezogen.

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