Was sind übliche Fehlinterpretationen des Atheismus?


Von der Wortherkunft lautet A-Theismus wörtlich: Nicht-Theismus oder Verneinung des Theismus. Viele übersetzen es auch als „ohne Gott“ oder „ohne Gotteslehre“. Es handelt sich also um den logischen Gegensatz zum Theismus, und nahezu alle atheistische Literatur, die ich gelesen habe (mehr als 500 Bücher) stimmt darin und der daraus abgeleiteten Definition überein.

Volker Dittmar | Richard-Dawkins-Foundation

Grundprinzip des Theismus im Sinne des Monotheismus ist der religiöse Glauben an Gott. Man redet nicht von Wissen, sondern von Glauben, und das hat gute Gründe. So gut wie nie wird vom „Wissen von und über Gott“ gesprochen, und Theisten räumen mehrheitlich sogar ein, dass es „Wissen über Gott“ nicht geben kann.

Kurzer Einschub: Beim Monotheismus reden wir von einer Glaubensreligion. Als die Begriffe Theismus und Atheismus geprägt wurden, gab es in Griechenland noch keine Glaubensreligion. Die Mainstream-Religion war das Heidentum, der Polytheismus. Im Polytheismus glaubt man jedoch nicht an Götter – Götter sind Teil der Natur und gehören zur Erfahrung. Der Gott Poseidon ist keine abstrakte geistige Entität, sondern ein Symbol für die Launenhaftigkeit und Macht des Meeres. Die Kraft des Meeres und seine Launenhaftigkeit sind keine Frage des Glaubens, sondern eine Erfahrungstatsache. Niemand bei Verstand würde das bestreiten, sofern er Erfahrung mit dem Meer hat. Poseidon ist eine Personifizierung einer Naturkraft, oder ein menschlicher Archetyp, oder ein in Mythen beschriebenes moralisches Leitbild. Das sind die drei Definitionen für Götter. Da diese grundsätzlich anders sind als im Monotheismus können wir den griechischen Begriff Atheismus nicht nehmen und ihn 1:1 übertragen. Es führt also in die Irre, wenn wir die reine Etymologie nehmen. Denn in der Frühzeit des Christentums wurden die Christen von den Heiden des Atheismus bezichtigt, der Bestreitung der Götter des (heidnischen) Mainstreams.

Minois führt in seiner „Geschichte des Atheismus“ aus, dass im Christentum als Atheist jemand galt, der sein Leben nicht nach Gott ausrichtet. Zwar bekannte sich damals kaum jemand zum Atheismus, weil das gravierende negative gesellschaftliche Konsequenzen gehabt hätte, aber ein durchgehendes Thema der Predigten der damaligen Zeit war die Verurteilung des Atheismus. Dabei unterschied man zwischen „praktischem Atheismus“, d. h., man war so sehr mit weltlichen Dingen beschäftigt, dass es für Gott einfach keinen Platz im Leben gab, und „philosophischem Atheismus“, bei der die Existenz Gottes geleugnet oder bestritten oder nicht vorbehaltlos akzeptiert wurde.

Im Christentum war es die überwiegende Zeit klar, dass ein Atheist jemand ist, der so lebt, „als ob es Gott nicht gäbe“. In der Wissenschaft bezeichnet man das als „methodischen Atheismus“, d. h., man betreibt Forschung, „als ob es Gott nicht gäbe“. Dabei wird nicht die Existenz Gottes bestritten, sondern man basiert seine Erklärungen nicht auf Gott. Selbst die Wissenschaftler der vatikanischen Sternwarte verteidigen diese Haltung – auch sie betreiben Wissenschaft atheistisch oder „wie Atheisten“, obwohl es sich um gläubige Priester (meist Jesuiten) handelt.

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