Das Zeitalter der Uneigentlichkeit hat begonnen


Uneigentlichkeit ist die Form des sich vollziehenden dritten Jahrtausends. Wie sie uns alle betreffen wird und warum sie uns ängstigen sollte. Eine philosophische Spurensuche

Paul Sailer-Wlasits | TELEPOLIS

Spuren nehmen ihren Ausgang von einem Anbeginn, der stets wesentlich mehr enthält, als bloß temporäres Beginnen. Derjenige, der vom Anfang weiß, kann Zeugnis ablegen. Spuren drohen in der digitalisierten Informationswelt verloren zu gehen, milliardenfach überschrieben und zu beliebigen Anfängen degradiert zu werden.

Das menschliche Leben droht künftig im Dazwischen zu verlaufen, in einem schmalen Grenzstreifen zwischen Stillstand und Geschwindigkeit. Durch die Beschleunigung werden Distanzen annulliert, doch durch die Verringerung des Abstandes entsteht keine Nähe. Der Uneigentlichkeit ist nicht mit Furcht zu begegnen. Denn das Fürchten ist stets auf innerweltlich Konkretes gerichtet. Uneigentlichkeit sollte hingegen ängstigen, denn sie rekurriert auf jenes Unbestimmte, das uns in unserer Lebenswirklichkeit besorgt.

Zwischen offenem Wort und freier Rede

Das Wahrsprechen, die sogenannte Parrhesie, stellt jenes sprachliche Nachleuchten dar, das sich im Diskurs zur Wahrheit verdichtet. In Zeiten zunehmender Erosion von Bedeutung und vermehrtem rhetorischem Austausch des Inhalts durch die Form wird das Wahrsprechen wieder überlebenswichtig. Parrhesie ist ein vielgestaltiger Begriff, der an kulturellen Sprachgrenzen beheimatet ist, zwischen free speech und franc-parler, zwischen ungezügelter Redefreiheit und der Begnügungstendenz respektvollen Insinuierens.

Im Aufstehen der antiken Demokratie und der damit verbundenen Umverteilung von Macht gelangten Bezeichnungen im Umfeld des Begriffes Gleichheit sprachlich in Umlauf. Das freie Sprechen unter Gleichen, als Möglichkeit zu freier Rede, ebenso wie das auf den offenen Diskurs ausgerichtete Wahrsprechen. Parrhesía, das freie, zwanglose, offene Wort, siedelt auch gegenwärtig in einem Bereich, in dem die Grenzen zum Anderen vielfach berührt, übertreten und eingerissen werden. Doch darüber hinaus stellt das Wahrsprechen auch sicher, dass zwischen den Sprechenden und Hörenden ein Verhältnis des Vertrauens entsteht.

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1 Comment

  1. Möglicherweise fehlen mir Kenntnisse aus einem mir unbekannten (Wissenschafts) Zweig, mir fehlen auf jedenfall Definitionen der hier behandelten Arten der Kommunikation und Formen der Wahrheit. Die Sprachphilosophie und ihr Inhalt scheint in Grundzügen Voraussetzung für das Verständnis des Textes zu sein. Ein Hinweis darauf und einführende Literatur ist hilfreich

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