Wie eine Sekte


Der Neuen Rechten ist es in den letzten Jahren gelungen, in Teilen eines sich als konservativ verstehenden Bürgertums anschlussfähig zu werden. Dafür gibt es inhaltliche, aber auch habituelle Gründe.

Liane Bednarz | derFreitag

In der Theorie ist der Unterschied zwischen dem konservativen Denken, wie es sich nach 1945 in Deutschland neu entwickelt hat, und rechten Ideenwelten groß: Während der bundesrepublikanische Konservatismus fest verankert in der westlich geprägten Gesellschaftsordnung ist, basiert das rechte Denken auf einer Trias aus Antipluralismus, Antiliberalismus und Ethnopluralismus.

In der Praxis gibt es jedoch unter vielen Konservativen schon länger eine gewisse Verwirrung und Offenheit gegenüber neurechten Vorstellungen. Inhaltlich liegt dies maßgeblich daran, dass die Neue Rechte sich selbst gerne als konservativ etikettiert, worauf nicht wenige Bürgerliche hereinfallen. Habituell spielen Radikalisierungsmechanismen in konservativen Milieus eine große, bisher unterschätzte Rolle.

Das Verständnis dieser Mechanismen ist grundlegend, da man in der Regel nur fassungslos vor den Resultaten steht. Etwa wenn man in den Kommentarspalten unter einem Artikel einer bürgerlichen Zeitung Bemerkungen von bürgerlich daherkommenden „Lügenpresse“-Rufern liest, oder, beklemmender noch, wenn Freunde und Familienmitglieder plötzlich anfangen, rechte Feindbilder kundzutun.

Wer versuchen will, solche Menschen wieder für einen demokratischen Konsens zu gewinnen, und das scheint dringend notwendig, der muss verstehen, wie die Radikalisierung vonstattengeht und wie sie wirkt. Mit bloßer Empörung wird man den Zuspruch zur AfD nicht verkleinern. Bei näherer Beschäftigung mit dem Phänomen zeigt sich, dass die Radikalisierung – oder genauer: Selbstradikalisierung – einst moderater Konservativer starke sektenähnliche Züge aufweist. Das ist nicht abstrakt dahergesagt. Vielmehr kenne ich das Milieu der nach rechts driftenden Konservativen auch von innen, da ich mich ab 2011 über meine damalige Freundschaft mit dem Journalisten Matthias Matussek selbst in solchen Zirkeln bewegt habe. Matussek war damals noch ein angesehener Spiegel-Autor. Heute ist er bekennender Fan der Identitären Bewegung.

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