Zum Tod von Freeman Dyson: Das Universum als Spielplatz der Füchse


Ein genialer Denker, der die Geheimnisse des Universums in ihrer ganzen Vielfalt erkundete: Der britische Mathematiker, Physiker und Visionär Freeman Dyson ist im Alter von 96 Jahren gestorben.

Sibylle Anderl | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der Mathematiker und Physiker Freeman Dyson Bild: TANIA/CONTRASTO/laif

„Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache“, wurde der griechische Dichter Archilochus 1953 vom russisch-britischen Philosophen Isaiah Berlin zitiert, der diesen Satz zum Anlass nahm, einen grundlegenden Unterschied zwischen zwei Gruppen von Denkern zu markieren: die einen, die alles in den Dienst einer großen, kohärenten Idee stellen, und die anderen, die mal dies und mal das verfolgen – „zentrifugal vielmehr als zentripetal“ –, getrieben von einer Vielzahl unzusammenhängender Gedanken und Erfahrungen. Dante, Platon oder Hegel seien Vertreter der Gruppe der „Igel“, Shakespeare, Aristoteles oder Goethe dagegen als Beispiele der Gruppe der „Füchse“ einzuordnen. Der britische Ausnahme-Mathematiker und Physiker Freeman Dyson griff diese Klassifikation 2007 in seinem Buch „A Many-Colored Glass – Reflections on the Place of Life in the Universe“ wieder auf und wendete sie auf die Wissenschaft an: „Die meisten großen Entdeckungen wurden von Igeln gemacht, die meisten kleinen von Füchsen.“ Wissenschaft brauche sowohl Igel als auch Füchse für ein gesundes Wachstum: Igel, um sich tief in die Natur der Dinge zu vergraben, Füchse, um die komplizierten, vielfältigen Details unseres Universums in ihrer ganzen Breite zu erkunden.

Dyson selbst folgte seinen Interessen in Fuchsmanier, indem er zeitlebens mit Leichtigkeit von einem Problem zum nächsten wechselte: Mathematik, Physik, Technologie, Religion, Philosophie, Deutungen des Vergangenen und Visionen für die Zukunft. Dass er als Vordenker entscheidende Ideen entwickelte, machte ihn zu einem weltbekannten Wissenschaftler und Intellektuellen. „Man kann sagen, dass ein Artikel von Dyson jeweils das letzte Wort enthalten wird, abgeleitet auf dem direktesten und elegantesten Weg“, brachte der amerikanische Physiker Elliot Lieb 1996 im Vorwort für Dysons Buch „Selected Papers“ die Arbeitsweise seines Kollegen auf den Punkt.

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