Pius XII. und die NS-Zeit – Rolf Hochhuth über den Vatikan: „Die haben doch immer gemauert“


Rolf Hochhuth über die Öffnung der Vatikan-Archive zu Pius XII., über den Skandal um sein Stück „Der Stellvertreter“ und über das elfte und zwölfte Gebot.

Harald Biskup | Frankfurter Rundschau

Sein Schweigen zur Judenverfolgung wird seit Jahrzehnten angeprangert. Nun hat der Vatikan die Archive zu Papst Pius XII. geöffnet. © imago/UIG

Rolf Hochhuth, Jahrgang 1931, gehört seit seinem Bühnendebüt mit dem Stück „Der Stellvertreter“, zu den einflussreichsten deutschen Autoren. Durch seine Erzählung „Eine Liebe in Deutschland“ löste Hochhuth 1978 eine Diskussion über die Vergangenheit des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU) als NS-Richter aus. Filbinger unterlag in den Gerichtsverfahren gegen Hochhuth und musste zurücktreten. 

Sein Schauspiel „ Der Stellvertreter“, 1963 in West-Berlin uraufgeführt, thematisierte das Schweigen des Vatikans zu der Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis. Mit seinem Dokumentartheater löste der Autor, neben aggressiven Schmähungen, in denen es um die Leugnung der Schuld des Vatikans ging, eine kritische Aufarbeitung der Shoa aus.

Herr Hochhuth, am Montag wurden, wie von der Forschung seit langem gefordert, die Vatikan-Archive zu Pius XII. geöffnet. Niemand hat das Schweigen des Papstes zur Judenverfolgung so früh und so schonungslos angeprangert wie Sie. Was war Ihr Motiv, das 1963 uraufgeführte Drama „Der Stellvertreter“ zu schreiben?

Ganz einfach die Frage, die seit 1945 sich jeder hätte stellen können: Wie konnte ausgerechnet der Mensch zum Judenmord den Mund halten, der sich zweifellos selber als Stellvertreter Christi auf Erden sah? Das fragten sich viele, aber ich habe diese Frage als erster öffentlich gestellt. Meine Überzeugung ist und war stets, dass Pius, wenn er den Mut gehabt hätte, für die Juden einzutreten, statt diplomatisch zu taktieren, dem millionenfachen Mord am auserwählten Volk Gottes kraftvoll hätte entgegenwirken können. Zu schweigen, war in meinen Augen total amoralisch.

In Ihrem Stück gibt es eine Schlüsselszene, die das Verhalten des Papstes – Sie nennen es Versagen – hochdramatisch beschreibt. Ihre Kunstfigur Pater Riccardo, der den Papst zum Eingreifen bewegen will, heftet sich in Gegenwart des Pontifex den gelben Judenstern an seine Soutane. Der junge Jesuit wählt schließlich den Weg nach Auschwitz als freiwilliges Martyrium. Eine ungeheure Provokation.

(Hochhuth zitiert aus „Der Stellvertreter“:) „Hier dieser Stern, den jeder Jude, zum Zeichen, dass er vogelfrei ist, vom sechsten Lebensjahr an zu tragen hat. Ich werde diesen Stern solange tragen, bis Euer Heiligkeit vor aller Welt den Mann verfluchen, der Europas Juden viehisch ermordet.“

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