«Nur ein Viertel aller Priester lebt wirklich keusch. Im Maximum! Es ist eine Farce.»


Gabriella Loser Friedli führte jahrelang eine geheime Beziehung mit einem katholischen Ordensmann. Berichte über ein homoerotisches Klima und Kindsmissbrauch in der Kirche erstaunen sie kein bisschen. Nun müsse endlich die Zölibatspflicht fallen, fordert sie.

Simon Hehli, Antonio Fumagalli | Neue Zürcher Zeitung

Gabriella Loser Friedli ist eine resolute Frau. Die vielen Kämpfe, die sie in ihrem Leben auszufechten hatte, haben ihr nicht die Energie geraubt. Das wird schnell klar, als sie in einem Freiburger Café ein Mineral bestellt und in einem Wortschwall zu erzählen beginnt. Kaum jemand weiss besser, was hinter der Fassade der katholischen Kirche passiert ist. Loser Friedli lebte über Jahrzehnte eine heimliche Beziehung mit dem dominikanischen Ordensmann und Religionswissenschaftsprofessor Richard Friedli (siehe Biografie). Nachdem das Paar aufgeflogen war und endlich hatte heiraten können, widmete sie sich anderen Betroffenen und war im Jahr 2000 Mitbegründerin des Vereins der vom Zölibat betroffenen Frauen (Zöfra). In dieser Funktion erfuhr sie von vielen Geschichten, die die Kirchenspitze am liebsten totgeschwiegen hätte – Geschichten von homosexuellen Beziehungen, Kindsmissbrauch und Verstössen gegen die Zölibatspflicht.

Frau Loser Friedli, Fälle von Pädophilie erschüttern immer wieder die katholische Kirche. Ist dieser Missbrauch eine Folge der Pflicht für die Priester, sexuell enthaltsam zu leben?

Ein Mann wird nicht wegen des Zölibats pädophil. Es ist eine psychische Störung, die man hat oder nicht hat. Es mag in Einzelfällen aber schon sein, dass ein Priester, der seine sexuellen Neigungen nicht ausleben kann, übergriffig wird. Und klar scheint mir, dass manche Pädophile den Priesterberuf bewusst wählen, weil der unbeschränkte Zugang zu Kindern verlockend ist – oder zumindest war das früher so.

Im aktuellsten Fall wirft ein Mann dem Pfarrer der Freiburger Kathedrale, Paul Frochaux, vor, ihn vor 20 Jahren als Teenager zum Oralsex gezwungen zu haben.

Mich hat überhaupt nicht überrascht, dass dieser Fall an die Öffentlichkeit kam. Da wird auch noch mehr rauskommen. Alle, die in den letzten Jahren genau hingeschaut haben, wussten, dass es grosse Probleme mit Pädophilen gibt.

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