Der Mensch ist der Mikrobe egal – wir täten gut daran, Krankheit vermehrt als ökologisches Problem zu begreifen

Bild von Arek Socha auf Pixabay

Das neue Coronavirus versetzt die globalisierte Welt in Aufruhr. Wir werden uns an dieses Szenario gewöhnen müssen. Denn mit der fortgesetzten Ausbreitung des Menschen erhöht sich für diesen auch die Wahrscheinlichkeit, von anderen Arten infiziert zu werden.

Eduard Kaeser | Neue Zürcher Zeitung

Die Familie der Coronaviren ist seit über fünfzig Jahren «aktenkundig». Ihre Angehörigen warteten nur auf eine günstige Gelegenheit wie «Wuhan». – Leere Strassen in Peking, 26. Februar. Kevin Frayer / Getty Images 

Man spricht vom neuen erdgeschichtlichen Zeitalter des Anthropozäns. Der Mensch gestaltet die Erdoberfläche mit einer Wucht um, die man früher allein geologischen Kräften zugetraut hatte. Eigentlich ist das aber eine anthropozentrisch verzerrte Sicht. Seit über drei Milliarden Jahren gibt es das Bakterio- oder Virozän. Die heimlichen Hauptakteure auf dem Planeten sind Mikroben. Sie umgeben uns, sie bewohnen uns. Der Mensch ist quasi eine Galaxie von Bakterien (tatsächlich wohnen in mir mehr Bakterien, als es Sterne in unserer Milchstrasse gibt). Wenn ich jemandem die Hand schüttle, setzt sogleich in beiden Richtungen ein Mikrobenfluss ein, und ich weiss nicht, ob die Viecher meine Freunde oder Feinde sind. Ich bin ihnen jedenfalls egal.

Warum ist eine bestimmte Mikrobenart schädlich für den Menschen, eine andere dagegen nicht? Handelt es sich um eine «intrinsische» Eigenschaft? Die Frage beschäftigt die Biologen seit den Anfängen der Keimtheorie im 19. Jahrhundert. Sie legte das Fundament für das Paradigma der modernen Krankheitslehre: Es gibt eine grundlegende Differenz zwischen pathogenen und nichtpathogenen Mikroben. Gemäss dieser Sicht ist also Virulenz – Krankheit erregende Faktoren – ein Merkmal, das der Mikrobe selbst zukommt. Immer aber gab es Gegenbeispiele, und im 20. Jahrhundert entdeckten die Forscher zunehmend «Dual-Use»-Mikroben, die dem Menschen sowohl nutzen wie schaden können. Offenbar kennt die Natur keinen eindeutigen Unterschied. Angeblich pathogene Mikroben bevölkern unsere Umwelt, ohne uns zu schaden, und scheinbar harmlose Mikroben zeigen plötzlich ihre «böse» Seite.

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