Vom Heimatschutz über den Naturschutz zum Schutz der Rasse


Die Robinie ist ein Eindringling aus fremden Ländern, der unsere einheimischen Pflanzen mit Verdrängung bedroht. Die Robinie ist ein Baum, der sich hervorragend an das städtische Klima zunehmender Temperaturen und Trockenheit anpasst. Die Robinie steht für eine Kontroverse. Ihr Bild wird vom Wahrnehmungshorizont der Urteilenden bestimmt.

Bernhard Wiens | TELEPOLIS

Knorr-Erbswurst aus dem Hordentopf. Auf dem Hohen Meißner, 1913. Bild: Public Domain

Für die einen ist sie der „grüne Besatzer“, der Invasor, der nach der Entdeckung Amerikas neben weiteren Fremdlingen nach Europa gekommen ist. Dieser Zeitraum wird zum Bestimmungsmerkmal sogenannter Neophyten im Unterschied zu einheimischen Pflanzen, die ortsbezogen (endemisch) sind. Für die anderen ist die Robinie der Baum, der hervorragend mit den Folgen der Industrialisierung fertig wird und sich von selbst, spontan, auch auf kontaminierten Industriebrachen ansiedelt.

Damit kann die Schuldzuweisung schon ein wenig relativiert werden. Die Industrialisierung ist ein anthropogener (menschlicher) Eingriff wie auch das Klima insgesamt menschengemachten Einflüssen unterliegt. Der Schlüsselbegriff für dieses Phänomen heißt Anthropozän. Die Schuldfrage klärt sich vollends, wenn die wechselseitigen Schmähungen und Verteidigungsstrategien in Augenschein genommen werden, mit welchen die beiden Fraktionen ihre Kontroverse austragen. Die Begriffe sind ebenfalls menschengemacht. Sie drücken gesellschaftliche Verhältnisse aus, die auf die Natur übertragen werden. Kulturelle Wertvorstellungen finden sich in der Art und Weise wieder, wie die Menschen die Natur ordnen. Umgekehrt wird die Natur zum Bild, das seinerseits die Vorstellungen der Gesellschaft von sich selbst prägt.

Forderungen, die Fremdlinge unter den Pflanzenarten auszurotten – wie es wörtlich heißt – sind folglich Ausdruck menschlicher Ressentiments. Wenn der Chor derjenigen anschwillt, die eine Verletzung der einheimischen Fauna beklagen, ist das Indiz einer Verletzung der Gesellschaft, die mit gesteigerter Angst vor den Fremden einhergeht. Der Vegetationsgeograph Gerhard Hard geht noch einen Schritt weiter. Es handele sich beim Disput um Neophyten gar nicht um ein ökologisches Drama, sondern um ein Psychodrama. Die Ängste schlummern in den Menschen selbst.

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