Die Spanische Grippe und das Politikversagen


Die Epidemie vor einem Jahrhundert konnte sich auch deshalb so schnell und stark ausbreiten, weil nicht auf Warnungen gehört wurde

Peter Mühlbauer | TELEPOLIS

Seattler Polizei mit Mundschutz, Dezember 1918.

Die Spanische Grippe steckte in den Jahren 1918 bis 1920 geschätzte 500 Millionen der damals etwa zwei Milliarden Menschen auf der Welt an – und sie war tödlicher als andere Influenza-Wellen: Die Schätzungen reichen von 25 bis hin zu hundert Millionen Toten (vgl. Influenza – Die Jagd nach dem vergessenen Killer-Virus geht in die nächste Runde). Alleine in den USA, aus denen es dazu aussagekräftigere Statistiken gibt als aus vielen anderen Ländern, raffte sie etwa 675.000 Menschen dahin – darunter auch Frederick Trump, den Großvater des jetzigen Präsidenten.

Trotz ihres Namens (und trotz früherer Vermutungen) brach diese Epidemie nach heutigem Forschungsstand nicht in Spanien aus. Dort erregte sie jedoch erstmals weltweites Aufsehen, weil in dem im Ersten Weltkrieg neutralen Land keine Militärzensur Ansteckungszahlen unter Verschluss hielt. Ende Mai 1919 hieß es aus Madrid, dass etwa ein Drittel der Hauptstadt und acht Millionen Menschen landesweit erkrankt seien.

Erst später fiel die Aufmerksamkeit auf eine früher nur lokal beachtete Krankheitswelle im landwirtschaftlich geprägten Haskell County in Kansas, wo die Spanische Grippe wahrscheinlich von Schweinen auf den Menschen übersprang. Vielleicht hätte es sich in diesem damals eher dünn besiedelten und abgelegenen Gebiet nicht weiter ausgebreitet, wenn die USA nicht 1917 in den Ersten Weltkrieg eingetreten wären. Dieser Kriegseintritt führte nämlich dazu, dass Rekruten aus dem Haskell County am 28. Februar 1918 in das Militärausbildungslager Camp Funston eingezogen wurden.

Ansteckungsfördernde Enge

Die Holzbaracken in dieser Kaserne reichten für die große Zahl an Rekruten nicht aus, weshalb viele davon in ungeheizten Zelten kampieren sollten. Nachdem sich der Winter jedoch als der kälteste bis dahin gemessene herausstellte, ließ sie der Kommandant des Lagers entgegen der Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften doch in die Baracken, in denen danach entsprechend wenig Platz war.

Am 5. März 1918 brach dann auch dort eine Krankheitswelle aus, an der 38 Rekruten starben. Trotzdem hatte man keine Bedenken, die Überlebenden bald danach in das französische Brest auszuschiffen, von wo aus sich die Seuche durch Militärbewegungen und damit verbundene Hygiene- und Platzmangelumstände begünstigt über ganz Europa ausbreitete.

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