Jürgen Habermas über Rechtspopulisten: „Habe kein Verständnis dafür, Wutbürger in Watte zu packen“

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Jürgen Habermas beklagt, dass die Politik erst nach Anschlägen auf den Rechtsterrorismus reagierte. Doch er hat auch Hoffnung im Kampf gegen die Rechten.

Christian Schröder | DER TAGESSPIEGEL

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Der Philosoph Jürgen Habermas ist besorgt über den Zustand der politischen Kultur in Deutschland. Es habe viel zu lange gedauert, „bis die Nazi-Aufmärsche, die antisemitischen Anschläge und sogar der Mord an einem Politiker eine auf Antikommunismus und Islamophobie getrimmte Öffentlichkeit alarmiert und die Behörden zu einem Perspektivenwechsel von links nach rechts veranlasst haben“, klagt er in einem Interview mit der sozialwissenschaftlichen Vierteljahreszeitschrift „Leviathan“. Bis vor kurzem sei es für Politiker quasi unmöglich gewesen, „ein klares Wort gegen den rechten Mob zu riskieren, ohne reflexhaft – als müssten sie sich entschuldigen – auf die Symmetrie von Rechts- und Linksextremismus hinzuweisen“.

Zu lange blind auf dem rechten Auge

Der Doyen der deutschen Soziologie, der im letzten Sommer 90 Jahre alt wurde, plädiert für eine harte Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten und Neovölkischen: „Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, Wutbürger in Watte zu packen“. Schließlich seien Bürger Erwachsene und hätten einen Anspruch darauf, als solche behandelt zu werden. Für den Begründer der Diskurstheorie ist die Forderung einer robusteren Form des Streits bemerkenswert.

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