Philosoph Hegel: Der Geist ist absolut alles


Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, war ein Spätentwickler. Als ältestes von drei Kindern einer schwäbischen Beamtenfamilie behielt er den Status, der Älteste zu sein, lange bei: Während des Studiums der Theologie am Tübinger Stift, wo er sich mit Schelling und Hölderlin anfreundete, verpasste man ihm den Spitznamen „der Alte“, und auch später als Professor der Philosophie waren die meisten seiner Kollegen deutlich jünger als er. Hegel glich dieses Manko durch zähe Beharrlichkeit aus; seine Stärke war, dass man ihn gerne unterschätzte.

Otto A. Böhmer | Frankfurter Rundschau

Kein anderer Philosoph hat es gewagt, die Welt derart rigoros in Gedanken zu pressen, und bei keinem anderen Philosophen liegt das Großartige, das Gewaltige so nah am Gemütlichen wie bei Hegel. Zwei Seelen, könnte man sagen, wohnten in seiner Brust, woraus sich, bedenkt man in diesem Zusammenhang noch Hegels regelmäßigen Weinkonsum, der ihm nicht nur Wohlbehagen, sondern auch Magen- und Darmprobleme bescherte, eine gewagte These ableiten ließe: Es gab womöglich zwei Hegel in einem, den Abenteurer des Geistes und den Bürger, der sich zufrieden im Ruhm einhauste; ein Hegel & Hegel also, der seine Dialektik verinnerlichte und in Wirklichkeit überführte.

Im übrigen konnte Hegel, dessen Schriften nicht gerade spannend sind, bei guter Tagesform auch die knappe, pointierte Form bedienen; dann gelangen ihm Einsichten wie „Erkennen wollen, ehe man erkenne, ist ebenso ungereimt wie schwimmen zu lernen, ehe man sich ins Wasser wage“ oder die feine Rede vom „Zerfließen der wirklichkeitslosen schönen Seele … in sehnsüchtiger Schwindsucht“.

weiterlesen