Lebensrettende Medikamente im Lostopf

Geld und Pillen

Ein lebenswichtiges Arzneimittel wurde unter schwerstkranken Kindern verlost. Die Lotterie ist ein beispielloser Tabubruch, der unsere Werte massiv beschädigt. Ein Gastbeitrag.

Eckhard Nagel | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Zum rettenden Medikament künftig nur noch per Losverfahren? Bild: F.A.Z.

Unter der Rubrik medizinischer Fortschritt konnten in den zurückliegenden Monaten überraschte Leserinnen und Leser in einigen Medien ein völlig neuartiges Szenario verfolgen. Es handelt sich um die Preisbildung bei einem Medikament, das bei Kindern, die mit einer angeborenen, schweren seltenen Muskelerkrankung zur Welt gekommen sind, helfen soll. Der gentherapeutische Ansatz soll primär eine Linderung der Symptome und gegebenenfalls auch eine langfristig erfolgreiche Behandlung möglich machen. Da die Erkrankung ohne Behandlung zu einer Lähmung der Atemmuskulatur und damit zum frühen Tod führt, ist dies auf den ersten Blick eine unfraglich äußerst positive Neuigkeit. Auf ein Therapieverfahren, das die bedrückende Prognose bei kleinen Kindern aufheben kann, haben viele sehnlichst gewartet.

Bereits seit 2017 gibt es allerdings ein Medikament unter der Bezeichnung Spinraza, das – wenn es regelmäßig verabreicht wird – betroffenen Eltern und Kindern neue Hoffnung gibt. Die zuständigen Behörden und Kommissionen hatten dieses in einem entsprechend geregelten Verfahren zugelassen. Obwohl damit hohe Kosten speziell für Kliniken mit einer Neuropädiatrie verbunden waren, wurden diese bei nachgewiesenem Nutzen für die einzelnen Patienten in Kauf genommen, so wie das bei anderen Neuerungen in der Medizin bislang in der Regel auch der Fall ist.

Umso überraschender waren Schlagzeilen, die von einem zwei Millionen Euro teuren neuen Medikament, Zolgensma der Firma Novartis, berichteten, das – obwohl eine Zulassung bisher in Deutschland nicht vorliegt – durch Krankenkassen bei einer Behandlung bezahlt würde.

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