Bibelwissenschaftler über Seuchen und Plagen: Ist Corona eine Strafe Gottes?


Mancher religiöser Eiferer deutet das Coronavirus als Strafe Gottes. Doch wie haben die Menschen früher solche Ereignisse gesehen und was steht darüber in der Bibel? Das erläutert der Leiter der Erzbischöflichen Bibel- und Liturgieschule Köln, Gunther Fleischer.

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DOMRADIO.DE: Am bekanntesten sind die zehn biblischen Plagen, mit denen die Ägypter bestraft wurden, weil sie die Israeliten nicht in ihre Heimat ziehen lassen wollten. Welche Katastrophen und Epidemien gibt es noch in der Bibel?

Doktor Gunther Fleischer (Leiter der Erzbischöflichen Bibel- und Liturgieschule in Köln): Sie haben schon die zehn Plagen genannt, die ja schon ein ganzes Spektrum aufzeigen – wobei diese sehr besonders sind. Sie sind eigentlich weniger Straffe als ein Mittel der Erpressung. Die Menschen haben mit verschiedenen Katastrophen zu tun. Es gibt so eine Dreizahl, die immer gerne zusammen genannt wird: der Krieg, der Hunger und die Pest als Beispiel für eine  Seuchenplage. Darüber hinaus wäre auch die Heuschreckenplage zu nennen. 

DOMRADIO.DE: Was ist jetzt mit diesen Seuchen und Plagen? Gelten die in der Bibel tatsächlich als Bestrafung?

Fleischer: Das gibt es auf jeden Fall. Zum Beispiel als König David von Gott durch den Propheten verboten wurde, seine Leute zu zählen. Der Hintergrund ist einfach: Er soll auf Gott vertrauen und wenn Gefahr ansteht, wird Gott das Ganze lenken. Aber was tut David? Er zählt natürlich doch seine Leute. Und dann kriegt er zur Auswahl gestellt, dass er zwischen Krieg, Pest oder Hunger wählen kann. Das läuft tatsächlich in diesem relativ banalen Strafmodus ab. Das viel Wichtigere daran ist aber: Es wird nicht nur als Strafe gesehen, sondern prinzipiell als etwas, hinter dem Gott selber steht – was immer der Grund dafür sein mag. Vorsorglich wird dann nicht nur gebetet, sondern auch gefastet. Man vermutet hinter diesen Katastrophen auch schuldhaftes Verhalten, und deshalb wendet man sich in Bußriten an Gott, um diese Plage abzuwenden.

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