Religiotie: „Herr, halte die Epidemie mit deiner Hand auf. Dafür habe ich gebetet“


Das Papst äußert sich in einem exklusiven Interview zur Corona-Krise. Das Oberhaupt der katholischen Kirche sieht in diesen Tagen eine große Chance. Die Chance, einen Sinn im Leben wieder zu entdecken, der uns sonst meist verborgen bleibt.

Paolo Rodari | WELT

Am Wochenende sorgte Papst Franziskus für Aufsehen, als er durch die unwirklich leeren Straßen des Rom spazierte, und zwei Kirchen der Stadt aufsuchte, um dort zu beten. Sonst verbringt das Oberhaupt der katholischen Kirche seine Zeit so wie die meisten Menschen in Rom, Italien und inzwischen auch in Europa und vielen Ländern der Erde: zu Hause. Der Papst verfolgt im Vatikan die Nachrichten über zum globalen Corona-Ausnahmezustand. In einem exklusiven Interview mit „Repubblica“, der italienischen Partnerzeitung von WELT im Rahmen der europäischen Zeitungsallianz LENA spricht Franziskus über seine Gedanken und Gefühle während der vergangenen Tage und Wochen.

WELT: Heiliger Vater, um was haben Sie gebeten, als er in den beiden römischen Kirchen gebetet haben?

Papst Franziskus: Ich habe den Herrn gebeten, die Epidemie zu stoppen: Herr, halte sie mit deiner Hand auf. Dafür habe ich gebetet.

WELT: Wie kann man in diesen Tagen leben, ohne das Gefühl zu bekommen, die Zeit sei verschwendet?

Franziskus: Wir müssen die kleinen Dinge in ihrer wahren Beschaffenheit wiederentdecken, die kleinen Aufmerksamkeiten, die wir unseren Nächsten, unserer Familie, unseren Freunden gegenüber haben sollten. Wir sollten verstehen, dass in den kleinen Dingen unser wahrer Reichtum liegt. Es gibt sehr feine Gesten, die in der Anonymität des Alltags manchmal verloren gehen, Gesten der Zärtlichkeit, der Zuneigung, des Mitgefühls, die aber entscheidend und wichtig sind. Eine warme Mahlzeit zum Beispiel, eine Streicheleinheit, eine Umarmung, ein Telefonat… Es sind diese vertrauten Gesten der Aufmerksamkeit für die Kleinigkeiten des Alltags, die dem Leben einen Sinn geben und dafür sorgen, dass es zwischen uns Gemeinschaft und der Kommunikation gibt“.

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