Philosophin Flaßpöhler: "Der Stillstand schenkt uns einen Denkraum"


Innehalten, nachdenken, aushalten – Svenja Flaßpöhler macht der Stillstand Mut. Die Philosophin sieht darin eine Chance, aus der Endlosschleife des Konsums auszubrechen. Und Gesellschaft neu zu denken.

Thorsten Glotzmann | Deutsche Welle

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler ist Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“. Seit 2013 leitet sie gemeinsam mit Wolfram Eilenberger, Gert Scobel und Jürgen Wiebicke das internationale Philosophie-Festival „phil.cologne“. Flaßpöhler war vorher leitende Redakteurin für Literatur und Geisteswissenschaft beim Deutschlandfunk Kultur. Sie ist Autorin zahlreicher Essays und Bücher, darunter der Bestseller „Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit“ (2018).

DW: Frau Flaßpöhler, wir treffen uns hier in Ihrem Schrebergarten. Angesichts der Hamsterkäufe – glauben Sie, wir erleben jetzt eine Renaissance der Selbstversorgung?

Svenja Flasspöhler:Unsere Vorpächter waren ein sehr altes Ehepaar, das diesen Garten seit ihrer Kindheit in den 1920er Jahren nutzte. Sie sind mit ihren eigenen Kindern hierher gezogen, als es in den 1950er Jahren Versorgungsengpässe und eine akute Wohnungsnot in Deutschland gab.

Insofern knüpfen wir hier an eine gewisse Tradition an. Wichtig finde ich auch zu sagen, dass ich hier in einer vergleichsweise privilegierten Situation bin. Ich sitze nicht an einer Supermarktkasse, muss nicht in einem überfüllten Krankenhaus arbeiten, bin nicht permanent der Gefahr der Ansteckung ausgesetzt, sondern ich kann mich hierher ins Grüne zurückziehen und von hier aus arbeiten.

Wir haben uns nicht die Hand gegeben. Die Kultur des Begrüßens und die Art und Weise, wie wir alle uns begegnen, ändert sich derzeit. Wie können wir das kompensieren?

Ich weiß nicht, ob man das wirklich kompensieren kann. Wir stehen am Anfang einer Erfahrung, die wir wahrscheinlich nie mehr vergessen werden – und es ist schon sehr interessant, dass sich normalerweise Nähe, Solidarität und Fürsorge darin zeigt, dass man Menschen umarmt oder in das eigene Zuhause bittet. All das wird jetzt eigentlich geradezu umgedreht. Diese Verkehrung fällt uns allen nach wie vor schwer – und das ist auch gut so.

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