Corona-Berichterstattung: Woran man sich erinnern sollte


Die Parteilichkeit der westlichen Journalisten offenbart sich in den Berichten über Maßnahmen zur Bekämpfung der Epidemie in Asien

Georg Schuster | TELEPOLIS

Bild: CDC

Anfang 2003 ging ein Coronavirus namens SARS 1 umher und machte Singapur zu einem seiner Hauptbetroffenen. Zu dieser Zeit war der Stadtstaat seitens der westlichen Völkerfamilie wegen seiner Brauchbarkeit für anlagesuchendes Geld und seiner darauf begründeten Erfolgsgeschichte schon etwas besser gelitten als noch zehn oder 20 Jahre zuvor, als zum Beispiel ein führendes Nachrichtenmagazin mitzuteilen wusste, dass der Staatsgründer

Lee Kuan Yew Singapur wie ein aufgeklärter Despot regierte und das Leben seiner Untertanen bis ins Kleinste reglementierte. […] Lees Singapur ist die wohl sauberste, grünste und intakteste Großstadt der Welt. Aber die Ordnung ist teuer erkauft. Kritik in Zeitungen gilt als Beleidigung; auch ausländische Blätter werden zum Kotau gezwungen. Kaugummi, Vögelfüttern, Spucken in der Öffentlichkeit sind streng verboten.

Spiegel, 26.9.1994

Diese Tonart klang der Südostasien-Korrespondentin einer süddeutschen Zeitung offenbar noch im Ohr, als sie unter dem Titel „Singapur und die Seuche: Eine Stadt trägt Mundschutz“ Folgendes zu berichten hatte:

Der Stadtstaat […] überlässt nichts dem Zufall, schon gar nicht, wenn etwas die Leistungsbilanz zu trüben droht. […] Die rätselhafte Epidemie [… droht] auf das Handelsvolumen, das Investitionsklima und die Zahl der Touristen zu drücken. Da schaut die Regierung natürlich nicht tatenlos zu, sondern bekämpft den Virus mit rigiden Maßnahmen wie andere Sicherheitsrisiken auch. […] Sie verfügte am Mittwochabend, dass sämtliche Schulen für zwei Wochen geschlossen bleiben […] Am Tag danach schienen die 600.000 zwangsbeurlaubten Schüler wie vom Erdboden verschluckt.

SZ, 28.3.2003

Eigenartig ist der hörbar kritische Unterton solcher Sätze dahingehend, dass er sich keineswegs dafür aussprechen will, „Leistungsbilanz“ und „Investitionsklima“ dem „Zufall“ oder die Schulen der „Seuche“ zu überlassen. Das Gemäkel der SZ-Korrespondentin von 2003 verließ sich vielmehr – wie schon der Spiegel-Autor zehn Jahre davor, der auch nicht für freies Spucken plädieren wollte -, instinktsicher darauf, dass die geneigte Leserschaft solche Andeutungen und Bilder schon irgendwie richtig versteht bzw. dass die aufgezählten oder vermuteten Abweichungen vom Prozedere westlicher Demokratien allemal eine Skepsis rechtfertigen, die nicht weiter ausgeführt werden muss.

Diesem Maßstab der Abweichung, den man noch aus den Systemvergleichen zu Zeiten des Ost-West-Gegensatzes kennt, gilt das Gleiche nicht als dasselbe, und wenn etwas anders ist, liefert es damit schon ein Verdachtsmoment. Die Parteilichkeit mit der staatlichen und nationalen Sache und ihren vorherrschenden Interpretationen liefert die hinreichende Sicherheit in diesem Verfahren. Dessen intellektueller Nachteil besteht freilich darin, dass man die Beurteilung eines politischen Gegenstandes mit seiner interessierten Deutung verwechselt, also zielsicher verfehlt. In diesem Sinne hätte die zitierte Journalistin wenigstens im Nachhinein und zu ihrer Beschämung bemerken können, wie schief sie mit ihrer Betrachtung der Singapurer Gesundheitspolitik gelegen hat, die heute als weltweites Vorbild gilt.

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