„Auch mal aus der Aufgeregtheit aussteigen“


Angesichts geschrumpfter Handlungsmöglichkeiten brauchen wir in der Coronakrise Gelassenheit, sagt der Kulturphilosoph Andreas Urs Sommer. Also das Unvermeidliche hinnehmen und sich im verkleinerten Möglichkeitsraum einrichten.

Andreas Urs Sommer im Gespräch mit Liane von Billerbeck | Deutschlandfunk Kultur

„Die Menschen sind tatsächlich vor völlig neue Herausforderungen gestellt“, sagt der Schweizer Kulturphilosph Andreas Urs Sommer. Zu normalen Zeiten gebe es eine Fülle von Möglichkeiten, die nun durch die Coronakrise stark verringert würden. Der „Möglichkeitsraum“ sei derzeit auf ein paar wenige Möglichkeiten geschrumpft und viele selbstverständliche Freiheiten seien eingeschränkt. „Wir müssen jetzt versuchen – und das machen wir recht erfolgreich – uns in dieser eingeschränkten Möglichkeitssphäre zurechtzufinden und rauszufinden, was es dann doch noch an Möglichkeiten gibt.“ Aber es bestehe die Gefahr, dass einem dabei die Decke auf den Kopf falle.   

In der Krise zeigen sich erstaunliche Fähigkeiten 

Heute könne es helfen, sich auf bestimmte Appelle der Philosophie des 20. Jahrhunderts zu besinnen, sagt Sommer. Die Gelassenheit werde dort als Hinnehmen des Unvermeidlichen beschrieben. Es falle aber heute vielen schwer zu akzeptieren, dass man nicht alles unter Kontrolle habe. „Aber wir haben da doch erstaunliche Fähigkeiten“, sagt Sommer. Er staune darüber, wie viele Leute in seiner unmittelbaren Umgebung beispielsweise eine alte Dame in der Nachbarschaft fragten, ob sie ihr helfen könnten. Deshalb sei er keineswegs pessimistisch, dass diese schwierige Zeit nicht nur überstanden, sondern gut genutzt werde. Aber diese anfängliche Gelassenheit könne sich verflüchtigen, wenn der Zustand lange andauere.        

„Die Gelassenheit ist ein philosophischer Modebegriff im 20. Jahrhundert geworden“, so Sommer. In früheren Zeiten sei er eher ein religiöser Begriff gewesen, der aus der deutschen Mystik des Mittelalters stamme.

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Der Schweizer Kulturphilosoph Andreas Urs Sommer staunt über die Fähigkeiten seiner Mitmenschen in der Krise. (picture alliance/Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)