„Wir sollten unbequemer werden!“


Im Interview fordert Helmut Ortner das Ende der „Komplizenschaft von Staat, Politik und Kirche“, plädiert für mehr Druck auf politische Entscheidungsträger – und „kreativen“ zivilen Ungehorsam. Seine Streitschrift „EXIT Warum wir weniger Religion brauchen“ ist nicht nur ein Bestseller in der säkularen Szene, sondern auch im Buchhandel.

Carolin Martens | hpd.de

Foto: Peter Hönnemann, © Helmut Ortner

Carolin Martens: Das Verhältnis von Staat und Kirche ist Thema Ihres Buches EXIT, an dem viele prominente Autorinnen und Autoren mitgearbeitet haben. Gemeinsamer Tenor: der Staat muss in Glaubensfragen neutral sein. Und: es muss ein Ende haben mit den Privilegien und Sonderrechten für die großen Kirchen. Sie sprechen von einer „verfassungsfeindlichen Ignoranz“ 

Helmut Ortner: Zwei aktuelle Beispiele: im März haben die religionspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von FDP, DIE LINKE und Bündnis 90/Die Grünen einen gemeinsamen Gesetzesentwurf vorgelegt, der vorsieht, dass die jährlich an die Kirchen gezahlten Staatsleistungen endlich abzuschaffen sind. „Na, endlich“, will man hier ausrufen – allerdings gegen eine Ablösesumme von gut 10 Milliarden Euro. Ein Ablösungsgebot besteht seit 1919 … Seit hundert Jahren wird also ein Verfassungsauftrag ignoriert. Ein permanenter Verstoß gegen unsere Verfassung. Ja, ich nenne das eine verfassungsfeindliche Ignoranz …

Ob konservativ, sozialdemokratisch-liberal, rot-grün oder Große Koalition – keine Regierung will diesen Zustand beenden Woran liegt das?

Die Verflechtung von Kirchen, Staat und Parteien ist ja eine historische Komplizenschaft. Entschädigungsleistungen an Kirchen – die auf die damalige Säkularisation vor mehr als 200 Jahren zurückgehen – sind aber heute nicht mehr vermittelbar – egal ob Kirchenmitglied oder nicht. Die Mehrheit hierzulande, derzeit 37,8 Prozent, sind konfessionslos und gehören keiner Religionsgemeinschaft an. Aber die Kirchenlobby wehrt sich: sie sabotiert die Ablösung weiterhin. Alles wie gehabt … Jahr für Jahr strömen Millionen von Euros aus den Staatshaushalten an die obszön reichen Kirchen.

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