Wenn der Glaube zum Feind der Vernunft wird, schnappt die Sektenfalle zu


Im Alltag sind Vernunft und Verstand wichtige Instrumente, um das Leben erfolgreich zu meistern. In sektenhaften Gemeinschaften werden sie aber unterdrückt.

Hugo Stamm | watson.ch

Mitglieder von strenggläubigen Gruppen fallen aus allen Wolken, wenn ihre Gemeinschaft als Sekte eingestuft wird: «Ich, ein Sektenanhänger? Das ist völlig absurd», antworten sie aus tiefster Überzeugung. Sekten sind in ihren Augen alle anderen Bewegungen, aber doch nicht ihr eigene.

Zur religiösen oder ideologischen Überzeugung – «wir sind auserwählt und vertreten den einzig wahren Glauben» – kommt die gefühlsmässige Konditionierung. Frisch rekrutierte Gläubige erleben in der Regel ein überwältigendes emotionales Schaumbad, oft eine wahre Euphorie.

Die vermeintliche Gewissheit, die religiöse Wahrheit und die auserwählte Gemeinschaft gefunden zu haben, lassen die Gefühlswelt explodieren. Alle Sorgen und Nöte fallen von den Missionierten ab, die Zukunft schillert in den schönsten Farben und ist auf alle Ewigkeit gesichert, glauben sie. Die Glücksgefühle sind mit dem Zustand des Verliebtseins zu vergleichen.

Doch wir können uns bei der Suche nach der religiösen Wahrheit nicht auf unsere Gefühle verlassen. Meine Erfahrungen mit Sektenaussteigern bestätigen dies. Es scheint sogar, dass spirituelle Gefühle nicht in erster Linie von den religiösen Inhalten abhängig sind, sondern vor allem von suggestiven Elementen.

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