Die Virulenz von Religion und Politik

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Religiöse Zusammenkünfte sind in Zeiten der Coronakrise eine ernsthafte Gefahr. Viele Staaten und Religionsgemeinschaften haben öffentliche religiöse Praktiken daher eingeschränkt oder untersagt. Für Regime, die sich zur Herrschaftssicherung religiöser Bezüge bedienen, sind solche Beschränkungen oft ein grundsätzliches Problem. Hier zeigt sich die Virulenz der Vereinnahmung von Religion durch Politik.

Andreas Jacobs | Konrad Adenauer Stiftung

flickr/JenniferStahn. CC-BY-NC 2.0

Bei der Verbreitung des Coronavirus spielten Religionsgemeinschaften und religiöse Praktiken eine wichtige Rolle. Aus einem Frauenkloster bei Rom wurden über 60 infizierte Schwestern gemeldet. In Singapur und Südkorea waren die Versammlungen protestantisch-evangelikaler Gemeinden regelrechte Corona-Hotspots. In Malaysia steckten sich viele Teilnehmer einer internationalen Massenveranstaltung in einer Moschee an. In Israel wächst die Sorge vor einer Welle von Corona-Infektionen durch religiöse Veranstaltungen. Jüdische Hochzeiten in New York trugen das Virus ebenso weiter wie muslimische Mekka-Pilger. Das Küssen von griechischen Ikonen und schiitischen Schreinen geriet gleichermaßen unter Corona-Verdacht. Nicht immer sind Unwissenheit und Unvorsicht der Feind der Gläubigen. Vielerorts stehen Frömme-lei, Aberglaube, Eifer und Fanatismus der Pandemie-Bekämpfung im Wege. Oft ist es aber auch politisches Kalkül.

Insbesondere für Regime, deren Herrschaft auf religiöser Legitimierung beruht oder die sich zur Herrschaftssicherung religiöser Bezüge bedienen, ist die Beschränkung religiöser Praxis ein grundsätzliches Problem. Nirgendwo zeigte sich dies so deutlich wie im Iran. Erst nach langem Zögern und unter dem Druck stark ansteigender Infektionszahlen rang sich das dortige Regime zu einer Schließung von Pilgerstätten und zur Absage religiöser Massenveranstaltung durch. Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Aus den Reihen religiöser Hardliner war sofort die Warnung zu hören, die islamischen Machthaber würden die unislamischen Maßnahmen noch bereuen. Aber nicht nur das iranische Revolutionsregime tut sich schwer mit der Beschränkung religiöser Praxis. Auch die türkische Religionsbehörde musste viel Kritik wegen ihres zurückhaltenden Umgangs mit infizierten Mekka-Pilgern und ihrer anfänglichen Weigerung, die Freitagsgebete abzusagen, einstecken. In Sri Lanka ordnete die buddhistisch-nationalistische Regierung eine Gebetswoche statt eines Tempelverbots an. In Indien scheute Premierminister Modi vor einer klaren Einschränkung religiöser Massenveranstaltung lange zurück. In Tansania nahm der erzkatholische Präsident Magufuli publikumswirk-sam die heilige Kommunion in einer vollen Kirche entgegen. Und selbst im EU-Land Griechenland sorgte es für Aufsehen, dass Premier Mitsotakis erst in einem offenen Machtkampf ein Verbot religiöser Versammlungen gegen die politisch einflussreiche Kirche durchsetzen konnte.

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