Wissenslücke beim Robert-Koch-Institut


Die bereits umgesetzten wie auch für die nächste Zeit erwogenen Maßnahmen zur Verhinderung einer Ausbreitung des Sars-CoV-2-Virus beruhen auf der Annahme, dass andernfalls eine Überlastung des Gesundheitssystems droht. In Großbritannien würde nach einer Studie des Imperial College London ein Bedarf entstehen, der die Kapazitäten um den Faktor acht übertrifft.

Bernd Murawski | TELEPOLIS

Das Institut geht von einer Letalität von 0,9 Prozent aus, wobei es sich auf chinesische Daten und im Zuge der Repatriierungen erlangte Angaben stützt. In die Schätzung ist eine Dunkelziffer von 40-50 Prozent mit eingespeist, d.h. beim angenommenen Prozentwert handelt es sich um die Infektionssterblichkeitsrate.

Eine japanische Expertise, die auf Grundlage von Erkenntnissen in Wuhan erstellt wurde, gelangt zu weitaus geringeren Zahlen. Aus der Annahme, dass insgesamt 19,1 Prozent der Stadtbevölkerung infiziert wurden, wird eine Mortalitätsrate zwischen 0,04 und 0,12 Prozent hergeleitet. In einem Worst-Case-Szenario, d.h. einer Infizierung von 60-70 Prozent der deutschen Bevölkerung, würden es demnach etwa 43.000 Todesfälle geben.

Wird die Zahl in Relation zur Gesamttotenzahl von jährlich 850000 wie auch zu den 25100 Opfern der Influenzawelle 2017/18 gesetzt, erscheint sie hinnehmbar, zumal sie mit den Folgen der aktuellen Maßnahmen des Lock Down und des Social Distancing aufzurechnen wäre. Die Situation wäre allerdings eine grundlegend andere, wenn sich der vom Londoner Institut ermittelte Wert von 0,9 Prozent als realitätsnah erweist. In diesem Fall würde sich die Todesrate veranderthalbfachen.

Zur Beurteilung der Schwere von Covid-19 ist offenbar die Infektionssterblichkeitsrate von zentraler Bedeutung. Da sie im Allgemeinen mit Krankenhauseinlieferungen und Verlegungen in Intensivstationen korreliert, gestattet sie eine ungefähre Einschätzung der zu erwartenden Belastung des Gesundheitssystems.

Im Vergleich mit dem Influenza-Virus würde die Lage dadurch erleichtert werden, dass laut WHO sowohl Ausbreitungsgeschwindigkeit als auch Mutationshäufigkeit bei Corona-Viren geringer sind.

Ungeklärtes Sterberisiko

Die Letalität eines Virus wird mittels Division der an ihm verstorbenen durch die von ihm infizierten Personen bestimmt. Das Robert Koch-Institut betrachtet nun alle Todesfälle als durch Covid-19 verursacht, bei denen Sars-CoV-2 nachgewiesen wurde. Die Zahl wird dann durch die positiv Getesteten dividiert.

Mit dieser Methode lässt sich kaum zuverlässig die Fallsterblichkeit ermitteln, und erst recht ermöglicht sie keine Rückschlüsse auf die Gesamtzahl der infizierten Personen. Wie wenig aussagekräftig die Ergebnisse des Instituts sind, zeigt ein Vergleich Deutschlands mit Frankreich. Obwohl in Deutschland 1,6-mal so viele Virusträger identifiziert wurden, hat Frankreich fünfmal mehr Tote zu beklagen.

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