Kirchenreformdiskurs am Limit: Was, bitte, ist ein Retrokatholik?


Blanke Meinungsmache oder theologische Reflexion? Die Kirchenreformdebatte gibt sich viel zu schnell mit flachen Appellen zufrieden, wenn es um die Frage der Veränderbarkeit von Lehrinhalten geht.

Christian Geyer | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Ist die Tür noch geschlossen oder bereits einen Spalt geöffnet? Ein armenischer Priester an der Grabeskirche in Jerusalem Bild: dpa

Findet ausgerechnet das Christentum, in dessen Zentrum die Menschwerdung Gottes steht, kein reflektiertes Verhältnis zur Geschichte? Kann es seine Geschichtlichkeit nur in den Extremen von Antiquarismus und Präsentismus denken, von einseitigen Fixierungen auf Vergangenes oder Gegenwärtiges? Interessante Fragen grundsätzlicher Natur, wie sie hinter den Reformdebatten in der heutigen katholischen Kirche stehen, vom Synodalen Weg bis zur Amazonas-Synode. Doch weil sie in dieser Grundsätzlichkeit weitgehend undebattiert bleiben, dominieren die flachen Reformappelle im Zeichen der Tür-Metapher: Ist die Tür schon einen Spalt geöffnet oder noch verschlossen?

Solch ein Schweben zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“, vielleicht noch vage inspiriert von der Erinnerung an Ernst Bloch, prägt theologische Blogs und Zeitschriftenartikel. Dass hier manches unausgegoren, kurzerhand und schlecht begründet erscheint, hat auch mit einer intellektuellen Blockade bei einem Kernthema zu tun: Die Debatte um die Lehrentwicklung, um die Veränderbarkeit im Kontinuitätsanspruch des christlichen Glaubens, wird nicht offen und informiert geführt.

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