Der Leviathan und das Virus

Behemoth and Leviathan von William Blake (zwischen 1757 und 1827)

Die „Alltagspolitik“ ist in Quarantäne. „Isolations-Politik“ ist ein Spiel mit Macht und Ordnung. Das Virus macht Hobbes‘ politische Theorie zur Praxis

Andrian P. Kreutz | freitag

Es schallt durch das heimische Endgerät: „Wir befinden uns im Krieg mit dem Virus“. Aber was an der momentanen Situation ist Krieg? Was der Situation ihren Kriegscharakter verleiht ist die Abwesenheit in einer Demokratie alltäglicher politischer Debatte. Staatsführer*innen weltweit flimmern auf unseren Empfangsgeräten, sprechen in düsteren Tönen zu ihren Bürger*innen über die bevorstehenden Freiheitbeschränkungen – und die Oppositionen geben nichts als Beifall. Auf einmal sind sich (fast) alle einig: In Notsituationen müssen wir alle an einem Strang ziehen, Regierungsparlamente eingeschlossen. So schrecklich und bedrückend sie auch ist, es ist eine wunderbare Zeit einige Klassiker politischer Theorie in der Praxis zu sehen.

Die Menschen sind zuhause eingesperrt. Die Politik hat sich nun endgültig ins „Private“ verlegt, doch, entgegen dem bekannten feministischen Slogan „The personal is political“, ist das Private weniger politisch als noch vor ein paar Wochen.

Auch wenn es so aussieht: Das Virus hat die Politik alles andere als lahmgelegt. Es hat lediglich die Ebene der „Alltagspolitik“ in Quarantäne geschickt, um eine tieferliegende Ebene der Politik zu offenbaren, die meist verborgen, doch nie ganz weg war: die Ebene des Machtmonopols.

Die „Alltagspolitik“ in einer Demokratie sieht zumeist, und im Idealfall, so aus, dass verschiedene Parteien um die Gunst der Wählerschaft werben, deren Belange wahr- und ernst nehmen und vor dem Parlament vertreten. Die Parteien, so wie auch die Menschen, die sie repräsentieren sollen, befinden sich dabei im permanenten Konflikt. Ein Konflikt, so zumindest eine weitverbreitete Auffassung, welcher sich, wenn nicht durch gewalttätige Auseinandersetzung, einzig und allein durch Wahlen zu lösen ist. Nach demokratischen Wahlen verändert sich die politische Frage zu: ‚Werden meine Belange in der Politik wahrgenommen?‘. Auf Seiten der Gewählten verschiebt sich die politische Frage von ‚Wie bringen wir die Menschen dazu, uns zu wählen?‘ zu: ‚Wie reagieren unsere Wähler*innen auf die Politik, die wir ihnen vor die Füße werfen?‘ – eine Frage bedingt durch die Angst vor Legitimationsverslust.

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