Medizinhistoriker zum Coronavirus: Aus der Spanischen Grippe hat man „nicht viel gelernt“

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Angesichts der Coronavirus-Pandemie spricht der Medizinhistoriker Harald Salfellner über die Spanische Grippe vor 100 Jahren und welche Lehren man daraus gezogen hat.

Joachim Frank | Frankfurter Rundschau

Versorgung von Grippeerkrankten im Walter Reed Hospital, Washington D.C., USA, im 20. Jahrhundert (Foto, undat. digital koloriert). © akg-images

Harald Salfellner, ein aus Österreich stammender Arzt und Medizinhistoriker, geboren 1962, lebt seit 1989 als Autor und Verleger in Prag. Seine Bücher zur böhmisch-österreichischen Kulturgeschichte sind in einer Gesamtauflage von mehr als einer Million Exemplaren verbreitet, darunter die in acht Sprachen übersetzte Schriftstellermonographie „Franz Kafka und Prag“.

Herr Salfellner, an die Spanische Grippe vor 100 Jahren mit bis zu 50 Millionen Toten mag man in diesen Tagen gar nicht denken. Sie haben sich ausdrücklich auf dieses Thema gestürzt. Wie kamen Sie darauf?

Ich bin Mediziner, Historiker und Literaturfreund. So wurde ich auf die Spanische Grippe aufmerksam, weil mich jemand nach Franz Kafka und den Hintergründen seiner Grippe-Erkrankung 1918 fragte. Als ich mich näher darüber informieren wollte, stellte ich fest: Es gab so gut wie keine Fachliteratur dazu, und die Publikumstitel stützen sich alle auf die amerikanische Erzählung – wie die vom Patienten 0, einem Koch in einem amerikanischen Militärlager, der im März 1918 als erster diese merkwürdige Krankheit bekam… Das sind zwar alles nur schöne Sagen, Wissenschaft light gewissermaßen, aber es klingt so gut, und man merkt es sich so leicht.

Welchen Reim machen Sie sich darauf, dass die Erinnerung an die Spanische Grippe trotz der immens hohen Opferzahl – das Doppelte bis Dreifache der Toten des Ersten Weltkriegs – so wenig präsent war?

Der Mensch neigt immer zum Vergessen. Aber hier spielte der Zeitpunkt der Epidemie eine besondere Rolle: Der Erste Weltkrieg war zu Ende, die Menschen hatten so viel Leid erfahren und wollten das alles schnell hinter sich lassen. Dazu kommt ein völlig anderer Umgang mit dem Tod, als wir ihn heute in unseren Gesellschaften kennen: Das Sterben, auch das Massensterben, war viel gegenwärtiger. Es wurde erlitten und hingenommen. Das ist ausdrücklich kein moralisches Urteil, sondern ein mentalitätsgeschichtliches. Es ist auch im Spiegel der damaligen Medien zu sehen. Zeitungsberichte gab es über die Spanische Grippe, aber als kleine Notizen im Blattinneren. Selbst auf dem Höhepunkt der Epidemie, als die Leichenwagen im ganzen Land unablässig durch die Straßen rumpelten, ging es über eine Zeitungsspalte selten hinaus. Und Bilder gab es überhaupt keine.

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