Philosophin Sabine Döring: «Wir haben in der deutschen Öffentlichkeit einen diskursfeindlichen Hang zur Übersensibilität und zum Moralisieren»


Hat, wer den gesellschaftlichen «Shutdown» ablehnt und stattdessen für die «kontrollierte Herdenimmunität» eintritt, kein Herz? Unsinn, sagt Sabine Döring. Die Philosophin plädiert für mehr Meinungsfreiheit in der Krise. Es komme jetzt auf gute Argumente an – und nicht auf die vermeintlich richtige Haltung.

Marc Felix Serrao | Neue Zürcher Zeitung

«Der Austausch ­– und damit meine ich physische Nähe – ist für uns nicht nur moralisch unverdächtig, sondern integraler Bestandteil des guten Lebens», sagt Sabine Döring. Szene aus Konstanz, aufgenommen Mitte März. Ennio Leanza / Keystone

«Der Mensch ist ein vernunftbegabtes, mündiges Wesen, aber . . .» Können Sie diesen Satz bitte vervollständigen, Frau Professor Döring?

Ich würde zunächst einmal sagen, dass der Mensch leider kein ideal rationaler Akteur ist.

Was folgt daraus auf das «aber»?

Dass der Rechtsstaat ein Vernunftgebot ist. Aus meiner liberalen Perspektive darf er allerdings nur dann in individuelle Freiheiten eingreifen, wenn es einen guten Grund gibt, und die Beweislast liegt auf der Seite derjenigen, die eingreifen wollen. Damit verbunden ist die Auffassung, dass wir die Lebensweise der Menschen nicht normieren, sondern möglichst viele Lebensweisen zulassen wollen. Wie immer von Kant treffend formuliert: «Ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt.» Nun haben wir aber trivialerweise das Problem, dass bestimmte Verhaltensweisen die Freiheit anderer Menschen einschränken. Freiheit kann nur unter dem Schutz eines staatlichen Rechtssystems realisiert werden. Ohne dieses hätten wir Willkür oder Despotie.

Eine solche Verhaltensnormierung erleben wir gerade auf eine nie da gewesene Weise.

Ja, weil mit einer Pandemie ein Notstand vorliegt, ob er nun formal ausgerufen wird oder nicht. Das ist entscheidend. Es muss klar sein, dass diese Eingriffe wieder zurückgenommen und nicht etwa für irgendeine politische Agenda instrumentalisiert und langfristig etabliert werden.

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