Medizinhistorikerin über Religion in der Seuchengeschichte: Als man bei Krankheiten an himmlische Pfeilschüsse dachte


Corona ist zwar ein neues Phänomen, doch Seuchen gab es auch schon früher. Und einst war beim Umgang damit die Religion nicht wegzudenken. Warum, erklärt die Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums im Interview.

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KNA: Bitte beenden Sie folgenden Satz: Die Rolle der Kirche in der Seuchengeschichte ist …

Prof. Marion Ruisinger (Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums / DMM): … vielfältig. Wobei ich weniger die Kirche als Institution meine als den christlichen Glauben. Nicht an Gott zu glauben, war für die Gesellschaft lange Zeit undenkbar. Insofern waren religiöse Deutungsmuster für den gesellschaftlichen Umgang mit Seuchen sehr wichtig.

KNA: Welche Deutungen gab es?

Ruisinger: Im Wesentlichen zwei. Erstens das Muster Hiob, benannt nach der von Gott durch Leid geprüften biblischen Figur. Aus dieser Perspektive sah man Krankheiten als Erprobung der Gläubigen. So wurde im Mittelalter in Lepra-Kranken die Aufforderung Jesu erkannt, Caritas zu leisten. Auch die Krankheit selbst wurde als Prüfung betrachtet, ja als „Fegefeuer auf Erden“.

Teils konnten die Leprösen daher ihrer eigenen Totenmesse beiwohnen. Ein stärkeres Bild für die Ausgrenzung aus der Gemeinschaft lässt sich kaum finden. Die Betroffenen hat man dann in Leprosorien vor den Stadttoren abgesondert, aber weiter aus der Stadt versorgt.

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