Brief aus Istanbul: Regenbogen sind verboten!


In der Corona-Krise zeigt Präsident Erdogan, was er kann: leugnen, Chaos stiften und dann im Ausland Schuldige suchen.

Bülent Mumay | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Am Dienstag in Istanbul Bild: EPA

Bei Wahlen in der Türkei wird in der europäischen Öffentlichkeit, vor allem in Deutschland, häufig folgende Frage gestellt: „Wie kann es angehen, dass Erdogan so viele Stimmen von den Türken in Europa erhält?“ Tatsächlich hat die AKP in Europa eine weit höhere Stimmenanzahl als in der Türkei selbst. Die Antwort auf die Frage erklärt auch, warum die AKP im Inland noch immer die meisten Stimmen erhält, obwohl sie eine Reihe von Problemen nicht gelöst bekommt, sondern für immer neue sorgt: Aus verschiedenen Gründen gibt sie sich mit schönfärberischen Reden und Dienstleistungen als eine Art „Pate“ für die Marginalisierten in der Türkei wie auch in Deutschland aus. Sie schmeichelt den Massen und vereint sie unter dem Dach einer mit Nationalismus und Religiosität verquickten Identität. Wie Trump es mit „Make America Great Again“ für sein Land tut, stellt sie die Türkei als groß und stark dar. Dafür schafft sie Phantasiefeinde und unterdrückt jeden Widerspruch. Mit dem Traum einer „großen Türkei“ und der von ihm geschaffenen Identität hält Erdogan die Massen, denen er kein besseres Auskommen geben kann, sondern sie im Gegenteil täglich ärmer macht, fest.

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Die Coronavirus-Pandemie hat wie bei populistischen Regimen in aller Welt auch das Bild des Hochmuts, das die Regierenden dieses Landes abgeben, beschädigt. Wir begegneten der Pandemie genau wie Trump, der sie zunächst nicht ernst nahm. Bis Mitte März gab es keine ernsthafte Maßnahme, außer dass ankommenden Flugpassagieren ein Fieberthermometer an die Stirn gehalten wurde. Als die ersten Fälle auftraten, versprach Erdogan, wir besiegen das Virus mit „Geduld und Gebet“. Als „Pate“ versäumte er es auch nicht, den Bürgern zu schmeicheln: „Kein Virus ist größer als unsere Einheit.“

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