Die Infektion der Gesellschaft: Warum koordiniertes Handeln schwierig ist

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In der Krise marschiert man gern mal kollektiv. Das hält aber nicht lange. Eine moderne Gesellschaft kann gar nicht aus einem Guss reagieren. Ein Gastbeitrag.

Armin Nassehi | DER TAGESSPIEGEL

Öffentlicher Raum in Corona-Zeiten: Bürger einzeln, die Polizei in Gruppen. Aktuell ist das noch mehrheitsfähig. (Archivfoto aus…Foto: dpa

Das Virus ist unsichtbar. Wir nehmen es nur an seinen zeitversetzten Wirkungen wahr: als Infektion, als Krankheit, vor allem aber als Reaktion der Gesellschaft darauf. Man kann wirklich sagen: Nicht nur menschliche Körper sind infiziert, sondern auch die Gesellschaft – und wie menschliche Körper versucht sie sich an Immunreaktionen und gerät damit bis an die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit.

Es ist also nicht nur die Stunde der Mikrobiologie, sondern auch die Stunde der Makrosoziologie. Überhaupt gelingt es gerade weniger als in früheren Epidemien, die Sache einfach als ein Naturphänomen abzutun. Denn seine Verbreitung und Gefahr rechnen wir vor allem menschlichem Verhalten und gesellschaftlichen Strukturen zu: der Globalisierung Waren- und Personenverkehr, der Kontaktsensibilität unseres Verhaltens und der Potenz des Gesundheitswesens, nicht zuletzt den finanziellen Möglichkeiten, eine angemessene Infrastruktur vorhalten zu können, vielleicht sogar erzwungener Sparpolitik auf Kosten solcher Infrastrukturen. Es stimmt also: In erster Linie ist die Gesellschaft infiziert.

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