Extinction Rebellion – Inneneinsichten einer ökopopulistischen Sekte

Bild von Pete Linforth auf Pixabay

Extinction Rebellion ist weder radikal, noch basisdemokratisch oder offen für Kritik – Ein Erfahrungsbericht

Christian Ganzer | TELEPOLIS

Extinction Rebellion (XR) gilt als radikale, basisdemokratische und für Kritik und Veränderung offene Bewegung. Mein mehrmonatiges Eintauchen in die „Rebellion“ ergab ein durchwachsenes und doch eindeutiges Bild: Radikal? Mitnichten. Basisdemokratisch? So basisdemokratisch, wie eine in der Retorte geschaffene und einem sakrosankten Katechismus verpflichtete Bewegung voller unausgesprochener Hierarchien eben sein kann. Offen für Kritik? Eher im Gegenteil. Ein Ketzerprozess bereitete meinem Experiment ein vorzeitiges Ende.

Intro

Auf der Suche nach Möglichkeiten, mich in der Klimabewegung zu engagieren, stieß ich auf „Extinction Rebellion“. Im Sommer 2019 trug ich mich in die Mailingliste der Leipziger Gruppe ein. Als ich zu einer Aktion anlässlich des „Earth Overshoot Day“ eingeladen wurde, ging ich hin. Am Treffpunkt fand ich eine Gruppe von etwa fünfzehn Leuten, die vorhatten, Kreuzungen zu besetzen. Dabei wurde das Wort „Besetzung“ hier anders verstanden, als ich es aus der Vergangenheit kannte: Mit einem Transparent und vielen Fahnen ausgestattet wollte man die Kreuzung bei „grün“ betreten – und wieder verlassen, sobald die Fußgängerampel wieder auf „rot“ umsprang.

Die AutofahrerInnen, vor denen sich unser kleines Spektakel abspielte, hatten keinerlei Nachteil davon. Dennoch wurden Flugblätter mit der großen Überschrift „Sorry!“ verteilt, in denen man sich für die Unannehmlichkeiten entschuldigte. Bei einem kleinen Zug durch die Leipziger Innenstadt rief eine XR-Aktivistin immer wieder ins Megaphon: „Wir leben über unsere Verhältnisse!“

Kurze Zeit später wurde ich zu einem Kennenlernplenum („Onboarding“) eingeladen. Eine große Runde überwiegend junger Leute, im Schnitt wohl ein Vierteljahrhundert jünger als ich, saß im Café-Raum eines Hausprojektes im Leipziger Westen zusammen. Die „DNA“ von Extinction Rebellion wurde erklärt, Nachfragen beantwortet. Meine beiden Fragen schienen allerdings nicht gut ins Konzept zu passen:

Erste Frage: Ob die 3. Forderung nach Einrichtung einer Bürgerversammlung, die Beschlüsse über die nötigen Maßnahmen zur Erreichung der Klimaneutralität bis 2025 treffen soll, nicht im Widerspruch zum postulierten Zeitmangel stehe. Wenn zunächst die Demokratie durch die verfassungsrechtliche Implementierung einer Bürgerversammlung umgebaut werden soll und letztere sich dann konstituieren, sich anschließend informieren, sodann diskutieren und Beschlüsse fassen soll, würde bis 2025 wohl kein Gramm CO2 eingespart werden. Versammlungsleiter Rolf* war offensichtlich zum ersten Mal mit diesem Widerspruch konfrontiert und ließ sich lediglich ein „Das könnte man so sehen“ entlocken.

Die zweite Frage zielte auf die Gründe für das Prinzip der Gewaltfreiheit ab, ich wollte etwas über das Mindset der Bewegung erfahren. Rolf* antwortete in etwas aggressivem Tonfall mit den Worten: „Weil 95% der gewalttätigen revolutionären Bewegungen zum Faschismus geführt haben.“ Dagegen seien gewaltfreie Bewegungen wie die Gandhis und Martin Luther Kings erfolgreich gewesen. Auf meinen Protest, so einen Unsinn solle er einem Historiker – denn ein solcher bin ich nun mal – bitte nicht erzählen, ergriff eine andere Aktivistin das Wort und sprach von wissenschaftlichen Studien, die belegt hätten, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit von gewaltfreien Bewegungen höher sei.

Obwohl mich die Vorstellung irritierte, die Mittel der politischen Auseinandersetzung würden nicht mehr nach Situation, Ethik und Zielen, sondern nach Wahrscheinlichkeitsberechnungen gewählt, blieb ich bis zum Ende des inzwischen in das Leipzig-Plenum übergegangenen Treffens. Mir fiel auf, dass es keinerlei inhaltliche Auseinandersetzungen gab – es wurde ausführlich über technische Lösungen für Kommunikationswege und Aktionen gesprochen, aber nicht über Politik.

Der Sommer ging vorüber. Kurz vor der großspurig angekündigten „Berlin-Blockade“, deren Auswirkungen von der Berliner Verkehrsleitstelle nicht bemerkt werden sollten, ging ich auf ein Infotreffen. Im Anschluß kam ich mit Franz* ins Gespräch, einem Aktivisten aus der lokalen Führungsriege von XR. Er versicherte mir, dass die Bewegung flexibler sei, als es meinem Eindruck entsprach. Da nach meinen Beobachtungen bei Extinction Rebellion eine Wagenburgmentalität vorherrschte, die die Bewegung gegen Kritik von außen immunisierte, beschloss ich den Versuch zu unternehmen, Diskussionen von innen anzustoßen. Ich wurde Teil der Bewegung. Schon bald merkte ich, dass die Probleme größer sind, als ich zuvor wahrgenommen hatte.

Erfahrungen

In den Monaten, die ich bei XR verbracht habe, habe ich eine Menge netter, offener Leute getroffen. Viele positionierten sich im weitesten Sinne irgendwie links. Deutlich waren aber auch esoterische Tendenzen und ein deutlicher Hang zur Emotionalisierung von Politik und Diskurs. Bei XR-Leipzig sind Personen über 30 selten, Personen über 40 noch seltener. Soweit ich es beurteilen kann, nahmen bis auf einen Mann aus einem europäischen Nachbarland keine Menschen mit Migrationshintergrund an den Plena teil (nicht überraschend, dass der Leipziger Mattermost-Kanal „People of Color“ fast keine Mitglieder hat – und dort auch nichts gepostet wird; ebenso wie im LGBTQIA+-Kanal). Frauen stellen in der Regel rund zwei Drittel der Anwesenden. Fast alle studierten.

Im Herbst 2019 waren die Leipzig-Plena so groß geworden, dass die drei Stadtteilgruppen West, Ost und Süd geschaffen wurden. Die konstituierende Sitzung des Ost-Plenums, die in den Räumen eines linken Hausprojektes stattfand, stellte den Beginn meiner aktiven Beteiligung an XR dar. Unter einer an der Wand hängenden Fahne der Antifaschistischen Aktion wurde darüber diskutiert, wie die Plena ablaufen sollten. Vor dem Hintergrund der bei XR vorherrschenden politischen und theoretischen Inhaltsleere schlug ich vor, bei jedem Plenum Zeit für inhaltliche Auseinandersetzungen einzuplanen. Wie aus der Pistole geschossen antwortete jemand, dies müsse aber zeitlich begrenzt werden. Um zuverlässig für regelmäßigen Input zu sorgen, gründete ich später mit zwei Gleichgesinnten einen entsprechenden Arbeitskreis.

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