Die gelehrte Welt war einst verrückt nach Magie


Teetrinken und Tischerücken gehörten im 19. Jahrhundert zu den beliebtesten Freizeitvergnügen. Die Esoterik zog das Volk in seinen Bann – aber auch Mediziner und Künstler experimentierten mit dem Okkulten.

Judith Leister | Neue Zürcher Zeitung

Ob das Einhorn in der Kristallkugel mit Zukunft oder Jenseits in Verbindung steht? Man hätte es auf der 26. Lebenskraft-Messe im Zürcher Kongresshaus erfahren können (2014). Giorgia Müller

Im Jahr 1848 gab es einen «okkultistischen Big Bang» an der amerikanischen Ostküste. Die Schwestern Margaretta und Catherine Fox wollten in ihrem Haus Klopfgeräusche gehört haben, die angeblich von einem Ermordeten stammten. Als auf dem Grundstück Knochensplitter gefunden wurden, war die Sensation perfekt: Der Fall kam auf die Titelseiten und löste eine Konjunktur der Grenzwissenschaften aus, die bis in die 1920er Jahre reichte. In seinem «Okkulten Brevier» zeigt der Arzt und Publizist Thomas Knoefel, wie dieser Trend zwischen Religion und Okkultismus, Erotik und Esoterik, Wissenschaft und Wahnsinn skurrile Gestalt annahm.

Unterstützt durch technische Neuerungen wie Massenpresse, Fotografie und Tonaufzeichnung hatte die Esoterik gegen Ende des 19. Jahrhunderts Millionen Anhänger. Von den USA schwappte die Welle nach England, wo «Tee und Tischerücken» zum beliebten Freizeitvergnügen wurde, das bald auch nach Frankreich und Deutschland kam. Besonders beliebt waren Séancen, bei denen meist weibliche Medien «mit dem Jenseits» in Verbindung traten. Nicht nur das Volk, auch Adel und Bürgertum waren angetan. Mediziner und Künstler witterten in «psychogenen Fähigkeiten» phantastische Chancen zur Lüftung diverser Geheimnisse oder zur Erschliessung kreativer Quellen.

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