Ist eine gesunde Wirtschaft nur um den Preis kranker Menschen möglich?


Studien können inzwischen recht genau die Auswirkungen von Egoismus, Konkurrenz und Materialismus auf den Menschen feststellen. Ein Blick auf die Ergebnisse sollte sehr nachdenklich stimmen

Andreas von Westphalen | TELEPOLIS

Grafik: TP

Der US-amerikanische Sachbuchautor Dinesh D’Souza erklärte selbstgewiss: „Einige Kritiker werfen dem Kapitalismus vor, ein egoistisches System zu sein. Aber der Egoismus ist nicht im Kapitalismus – er ist in der Natur des Menschen.“ Die Überzeugung, die Natur des Menschen sei egoistisch, konkurrenzorientiert und materialistisch ist durchaus weit verbreitet. Ebenso wie die damit verbundene Ansicht, der Kapitalismus entspreche der Natur des Menschen.

In den letzten Jahrzehnten haben zahllose wissenschaftliche Studien untersucht, welche Folgen Egoismus, Konkurrenz und Materialismus auf den Menschen und das menschliche Zusammenleben haben. Wenn diese Eigenschaften tatsächlich der Natur des Menschen entsprechen, sollte sich dies auch in den Studien offenbaren und die Folgen auf die Menschen positiv, oder zumindest neutral, sein.

Nebenwirkungen der Konkurrenzsituation

Konkurrenz, die naturgemäß darauf abzielt, die Überlegenheit einer Person gegenüber einer anderen zu ermitteln, reduziert nachweisbar die Gefühle der Mitmenschlichkeit wie Empathie und Mitgefühl. Ebenso die Fähigkeit zur Gefühlsansteckung wird reduziert. Eine Studie mit sechs- bis siebenjährigen Kinder zeigte, dass sich sehr kompetitive Kinder von anderen Kindern dadurch unterschieden, dass sie weniger Empathie empfanden.

Diese bedenkliche Auswirkung ist leicht erklärbar. Denn die Reduzierung der Mitmenschlichkeit ist für den Konkurrenzkampf hilfreich, wenn nicht sogar notwendig, denn wenn es zum Sieg eines gewissen „Bisses“ und „Killerinstinkts“ bedarf, ist eine ausgeprägte Empathie hinderlich. Eine groß angelegte Studie über die Charakterprofile von 15.000 Sportlern kam zu dem Resultat, dass professionelle Sportler weniger an anderen Menschen interessiert als Normalbürger. Sie wünschen sich auch weniger die Unterstützung von anderen.

Der Konkurrenzkampf reduziert auch eine zentrale Fähigkeit des Menschen: Vertrauen. Matthieu Ricard, weltbekannter buddhistischer Mönch und promovierter Zellgenetiker, gibt daher zu bedenken: „In einer Gesellschaft mit ausgeprägtem Konkurrenzdenken herrscht Misstrauen unter den Menschen, ständiges Streben nach eigener Sicherheit und nach Durchsetzung eigener Interessen und sozialem Aufstieg, ohne allzu viel Rücksicht auf andere.“

Fehlendes Vertrauen unter Menschen bzw. Misstrauen hat nachweisbar negative Folgen: Es steigert die Aggressionsbereitschaft. Ebenso erhöht Konkurrenz insgesamt die Aggressivität. Dies belegt eine Studie mit fünf- und sechsjährigen Kindern auf dem Sportplatz, wobei interessanterweise das Ergebnis dabei unabhängig davon ist, ob die Kinder als Sieger oder Geschlagene vom Platz gehen.

Weitere Phänomene, die mit dem Konkurrenzkampf einhergehen, haben ebenso negative Folgen: Stress reduziert Empathie. Druck und Zeitnot, Grundphänomen der Konkurrenzsituation und Alltagserfahrung in einem Großteil heutiger Berufsfelder senken die Hilfsbereitschaft drastisch und steigern die Aggressionsbereitschaft. Vereinzelung, die ein verbreitetes Phänomen im Wettbewerbssystem des Kapitalismus ist, reduziert das Mitgefühl. (In diesem Zusammenhang sei auf eine beunruhigende Tendenz hingewiesen: Während vor wenigen Jahrzehnten US-Amerikaner noch im Schnitt drei Menschen zu ihren engen Freunden zählten, ist im Jahr 2004 die häufigste Antwort auf die Frage nach der Anzahl enger Freunde: „null“)

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