Philosoph Otfried Höffe über die Coronakrise: „Regierungen sind nicht für Glück zuständig“


Der Philosoph Otfried Höffe über die Aufgaben des Staates in der Krise und über die freiwillige Ohnmacht derer, die dem Virus seinen Lauf lassen wollen.

Michael Hesse | Frankfurter Rundschau

„Prinzip der wechselseitigen Freiheit“: Soziale Distanz auf einer Streuobstwiese in Frankfurt
© Frank Rumpenhorst/dpa

Otfried Höffe, geboren 1943 in Leobschütz, Oberschlesien, ist Professor emeritus für Philosophie und Leiter der Forschungsstelle Politische Philosophie an der Universität Tübingen. Er ist Mitglied der von NRW- Ministerpräsident Armin Laschet wegen der Corona-Krise einberufenen Expertenkommission. Für seine „Kleine Geschichte der Philosophie“ wurde er mit dem Bayerischen Literaturpreis (Karl Vossler Preis) für wissenschaftliche Werke von literarischem Rang ausgezeichnet.

Herr Professor Höffe, in der Corona-Krise hört man von den Philosophen wenig. Dabei sind sie doch eigentlich diejenigen, die am meisten über Moral, gegenseitige Verpflichtungen und auch in Bezug auf Entscheidungen über Leben und Tod zu sagen hätten. Warum ist es in Ihrer Profession so still?

Die Alleinzuständigkeit für sachgerechte Antworten auf die derzeitige Situation, die Gefahr einer Virus-Diktatur, beanspruchen wir Philosophen zwar nicht. Zu Wort melden sollten wir uns aber doch. Denn die verantwortlichen Politiker sollten bei ihren Entscheidungen auf mehr als nur die Kompetenz von Virologen, Ökonomen und Staatsrechtslehrern zurückgreifen können. Angesichts der zahlreichen Professuren für Politische Philosophie, Moralphilosophie und Angewandte Ethik und ihrer an Begriffen und Argumenten reichen Geschichte findet sich in der Philosophie fraglos viel Sachverstand. Allerdings hört man, die Bereitschaft, zu aktuellen Fragen Stellung zu nehmen, habe bei jüngeren Universitätsdozenten stark abgenommen.

Es gibt viele, die sagen: Es werden ohnehin Menschen sterben, also lasst es uns schnell hinter uns bringen und für den Großteil der Menschen eine Art „Herdenimmunität“ erzeugen. Ist das, aus moralischer Sicht, verwerflich?

Dem Virus seinen Lauf zu lassen, wäre ein Zeichen von freiwilliger Ohnmacht, also für selbstverantwortliche und intelligente Wesen höchst unangemessen. Nur wenig zugespitzt wäre es ein Verrat an der Natur des Menschen, an unserer Humanität.

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