Pastoraler Paternalismus


Ostern, ohnehin kein liebliches Fest, ist vorüber, das «bunte Gewimmel» vor den Toren blieb aus, keine Menge schlug sich «behend durch Gärten und Felder», die Kirchen blieben leer. An pastoralen Gesten herrschte dennoch kein Mangel – und dies bezieht sich nicht auf die Worte und den Segen des einsamen Papstes im Petersdom.

Konrad Paul Lissmann | Neue Zürcher Zeitung

Diese Schafe kennen ihren Hirten, ob sie die Herdenimmunität erreicht haben, ist nicht bekannt. Aufnahme von 1930. http://www.imago-images.de

Im Zuge der Corona-Krise ist neuerdings ein pädagogischer Ton in der Politik zu vernehmen, der in vielem an die Rhetorik der Predigt erinnert. Da wird beschworen und ermahnt, gedroht und bestraft, ins Gewissen geredet und darauf hingewiesen, dass nichts verborgen bleibt, einmal klingt es hoffnungsfroh, dann wieder apokalyptisch, und am Ende locken die paradiesischen Freuden: Die Geschäfte dürfen wieder aufsperren, und wenn alle weiter in sich gehen und bei sich bleiben, wird es wieder Fussball geben. Die Botschaft hör ich wohl.

Der Grundton unserer Zeit scheint überhaupt pastoral zu sein. Die momentane Version des einschlägigen Psalms lautet: Der Staat ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Dass in einer Krisensituation die Handlungsmacht beim Staat liegen muss, dass der Staat dort einspringt, wo Unterstützung dringend benötigt wird, entspricht einer politischen Notwendigkeit, die manchmal vergessen wurde.

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