Glaube fressen Denken auf – Das Wort zum Sonntag


Zeiten der Krise sind immer auch Zeiten, in denen Verschwörungstheorien, Weltuntergangsvisionen und ideologischer Unsinn aller Art aufzublühen beginnen.

Rainer Schreiber | TELEPOLIS

Dabei bemühen sich die Religiösen, ihren historisch verbürgten Spitzenplatz auf dem Jahrmarkt magischer Sinnstiftungen und abwegiger Erklärungen zu sichern: Die einen, gerne „Fundamentalisten“ oder „Hardliner“ genannt, frohlocken, sie hätten es ja schon immer gesagt, dass ihr jeweiliger Gott – es gibt da ja je nach Zufall der Geburt und Geschmack ein breites Angebot – das böse Treiben der Menschheit bestrafen werde.

Warum das Virus allerdings nun beispielsweise diesen Menschen um die Ecke bringt, jenen hingegen ungeschoren davon kommen lässt, können sie, im Unterschied zur Wissenschaft, nicht einmal mit begründeten Wahrscheinlichkeiten beziffern, sondern nur im Nachhinein behaupten: Der, der bestraft wurde, wird es schon verdient haben, was ja allein schon der Tod, also seine Bestrafung zeigt! Da der Glaube der Sache nach mit der Vernunft seit jeher auf Kriegsfuß steht, hat er sich vom Nachweis zirkulärer Beweisführung noch nie beeindrucken lassen. Das war Gott, basta!

Weltweit finden sich zudem quer über alle Bekenntnisse hinweg Leute, die glauben, ihr Gott und die für seine Beeinflussung eingerichteten magischen Rituale, von extra dazu ermächtigten bis auserwählten himmlischen Kontaktvermittlern, sogenannten Pfarrern, Imamen, Rabbis, Lamas und Schamanen aller Art ausgeführt, könnten ihnen Schutz gegen die neue Seuche bieten.

Dabei werden zweckmäßige Vorsichtsmaßnahmen und medizinisch gebotene Anweisungen nicht selten in einem gemeingefährlichen Maße ignoriert, wodurch sich zeigt, wie schnell Religion nicht nur wissensfern, sondern auch gesundheitsschädlich sein kann. Beispielsweise bei der Kommunion der griechisch-orthodoxen Kirche den gleichen Löffel benutzen und dem Virus damit traumhafte Verbreitungschancen eröffnen: Unsinn! Es handelt sich schließlich um den Leib Jesu Christi und der kann per definitionem nicht ansteckend sein! Ohne ein Machtwort der Staatsgewalt findet derart lebensgefährliches Treiben daher auch kein Ende.

Die aufgeklärten Vertreter der „Religion-light“-Variante, die der moderne bürgerliche Staat im Zuge der „Aufklärung“ seinen Kirchen als neues Rollenmodell und geförderte Existenzbedingung vorgeschrieben hat, lächeln da nur überlegen: Sooo wörtlich darf man das alles nicht nehmen; sie wissen nämlich: „Corona ist keine Strafe Gottes!“, wie z.B. der ev. Landesbischof Bedford-Strohm – stellvertretend für viele – betont.

Man möchte dann sofort fragen: Woher weiß er das eigentlich? Direkter Draht zum Allerhöchsten? Bedford-Strohm twittert ja z.B. gern und zeigt sich als in den Neuen Medien zuhause, ganz ausgeschlossen scheint das von daher nicht zu sein … Aber wenn es nur eine Vermutung ist: Was bewegt den jeweiligen Gott stattdessen? Führt er einen Großversuch, ein Experiment durch? Wird ein bewährtes Unterhaltungsangebot für die himmlischen Heerscharen wieder aufgelegt?

weiterlesen