Kings „Schule der Rebellen“: Wie formbar unsere Körper sind


Kultur und Biologie sind keine Gegensätze: Der Politikwissenschaftler Charles King wandelt in seinem neusten Buch auf den Spuren des Ethnologen Franz Boas und drei seiner Schülerinnen.

Thomas Weber | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Margaret Mead, eine der bekanntesten Schülerinnen des Ethnologen Franz Boas (1858 bis 1942) Bild: INTERFOTO

Für konservative Kulturkritiker, vor allem in den Vereinigten Staaten, ist kultureller Relativismus eine der schlimmsten Sünden. Er untergrabe die Grundlagen unserer Gesellschaftsordnung, der Sittlichkeit und der Familie. In dieser Sicht ist die Kulturanthropologie die Wurzel des Bösen – und die Genderforschung eine Inkarnation der attackierten subversiven Lehre. Die Kulturanthropologie, wie sie heute betrieben wird, hat eine komplizierte Geschichte, doch wird sie vor allem mit Franz Boas (1858 bis 1942) und seiner Schule in Verbindung gebracht. Charles King bietet in seinem Buch eine flott erzählte und dennoch fundierte Darstellung des Wirkens von Boas und drei seiner bedeutendsten Schülerinnen – Margaret Mead (1901 bis 1978), Ruth Benedict (1887 bis 1948) und der weitgehend vergessenen Zora Neale Hurston (1891 bis 1960).

Der aus Minden stammende Boas siedelte nach einem naturwissenschaftlichen Studium, einer Promotion in Meeresphysik und einer Expedition in die Arktis 1886 in die Vereinigten Staaten über und begann dort eine akademische Karriere. Im Jahr 1899 wurde er zum Professor für Anthropologie an der Columbia University in New York ernannt, eine Stelle, die er bis zu seiner Emeritierung 1936 innehatte. Er erforschte vor allem indigene Völker in der amerikanischen Arktis und interessierte sich anfänglich besonders für die Zusammenhänge zwischen Umwelt und menschlichem Verhalten. Dabei blieb er zunächst im disziplinären Rahmen der Geographie, die jedoch auch ethnographische und ethnologische Aspekte miteinbezog.

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