100 Jahre Diplomatie: Als der Papst für Deutschland Partei ergriff


Der Heilige Stuhl ist in der Politik ein gefragter Vermittler. Auch zu Deutschland gibt es diplomatische Beziehungen – und das seit genau 100 Jahren. Im Interview erklärt Kirchenhistoriker Stefan Samerski, wie es dazu kam und über welches Thema sich beide Länder heute besonders austauschen.

Christoph Brüwer | katholisch.de

Die Jahre nach 1920 waren grundlegend für das Verhältnis zwischen Deutschland und dem Heiligen Stuhl. Die Konkordate etwa, die in dieser Zeit ausgehandelt wurden, gelten bis heute. Mitgestaltet wurden sie vom damaligen Nuntius Eugenio Pacelli. Über sein Verhältnis zu Deutschland spricht der Berliner Kirchenhistoriker Stefan Samerski im katholisch.de-Interview. Außerdem verrät er, welche neuen Erkenntnisse er durch die Öffnung der Vatikanarchive über Pacelli, den späteren Papst Pius XII., erwartet. 

Frage: Herr Samerski, warum haben nahezu alle Länder der Welt diplomatische Beziehungen zum Vatikan? Eine große militärische oder wirtschaftliche Macht ist der Stadtstaat ja nicht.

Samerski: In den letzten Jahrzehnten hat sich herauskristallisiert, dass der Heilige Stuhl zwar natürlich in erster Linie das Oberhaupt der katholischen Kirche repräsentiert, aber darüber hinaus auch eine wichtige Drehscheibe für die internationale Kommunikation und Politik ist. Der Heilige Stuhl macht das größtenteils im Verborgenen und ist dadurch ein „ehrlicher Makler“. Deswegen wird er von politischen Großmächten und sogar von islamischen Staaten akzeptiert, weil er beispielsweise in der Krisenregion Arabien keine geschäftlichen Interessen hat und man ihn deswegen für Vermittlerdienste heranziehen kann.

Frage: Wie ist diese Rolle des Heiligen Stuhls denn entstanden?

Samerski: Das hat sich im Prinzip im 19. Jahrhundert angebahnt, als er nach der deutschen Reichsgründung gegenüber dem Bismarck-Staat etwas in die Defensive geriet. Bismarck versuchte daraufhin, seinen Draht zum Heiligen Stuhl wieder zu verbessern, indem er Papst Leo XIII. anbot, im Streit zwischen dem Deutschen Reich und dem Königreich Spanien zu schlichten, als es um die Karolineninseln ging. Da fing es an, dass der Heilige Stuhl international als Schiedsrichter akzeptiert wurde – und das machte Schule. Deswegen war es möglich, dass der Heilige Stuhl im Ersten Weltkrieg Friedensinitiativen ausarbeiten konnte. Von da an wurde er zu einem großen internationalen Player, der mit äußerster Diskretion arbeitet, um Friedensverhandlungen nicht zu torpedieren.

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