Eine Naturgewalt schert sich nicht um unsere Gerechtigkeit

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Solange wir Natur nicht beherrschen, ist sie uns überlegen. Das macht das Entscheiden doppelt schwer. Ein Kommentar zur Politik in der Corona-Krise.

Robert Birnbaum | DER TAGESSPIEGEL

Zu den unangenehmen Erfahrungen, die Bürger, Politik und Wirtschaft in der Corona-Krise machen, gehört die, dass die Natur sich nicht einfach lenken lässt. Theoretisch weiß das natürlich jeder. Praktisch haben wir uns recht gemütlich in dem Glauben eingerichtet, dass Umwelt uns im Ernst nichts mehr anhaben kann. Ein Sturmschaden hier, ein paar geflutete Keller da, ein Vulkan, der kurz den Flugverkehr lahmlegt und die Kanzlerin zu lustigen Umwegen zwingt – alles rasch repariert und vergessen. Seuchen? In Afrika, in Hinterasien, doch nicht hier!

Nun sollte man meinen, dass das Coronavirus diese frohgemute Sichtweise erschüttert hätte. Aber nach dem ersten Schreck macht sich zunehmend das alte Denken breit. Dass das Virus als Naturkatastrophe in eine Kategorie existenzieller Herausforderungen fällt, die gegen menschliche Wünsche, Werte und Regelwerke blind und taub sind, gerät aus dem Blick.

Das wäre nicht schlimm, ginge es nur um eine philosophische Frage. Aber der schiefe Blick auf das Virus verzerrt in gefährlicher Weise die Debatte über den richtigen Umgang mit ihm.

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