Kirche und Missbrauch: Aufarbeitung ist kein Ehrenamt


Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes Wilhelm Rörig, spricht von einer „historischen Entscheidung“. Er meint damit die von ihm neu geschlossene Vereinbarung mit der Deutschen Bischofskonferenz. Darin verpflichtet sich die katholische Kirche zu einer umfassenden, transparenten, einheitlichen und vor allem unabhängigen Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in den einzelnen Bistümern. Dafür sollen Kommissionen gegründet werden. Weniger als die Hälfte der dort ehrenamtlich tätigen Mitglieder sollen bei der Kirche beschäftigt sein oder in einem diözesanen Laiengremium aktiv sein. Es soll untersucht werden, wie die Kirche mit Missbrauchsfällen umgegangen ist und welche Strukturen die Gewalt begünstigt oder erleichtert haben. Florian Breitmeier kommentiert.

Florian Breitmeier | NDR.de

Kein Zweifel: Die Vereinbarung bedeutet einen großen Schritt nach vorn. Erstmals schreibt in Deutschland eine Institution für sich verbindliche und überprüfbare Standards fest, wie die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen erfolgen soll. Und die Bistümer wollen dabei konsequent auf den Blick von außen setzen. Das ist respektabel, weil es hierzulande leider immer noch nicht selbstverständlich ist. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es ein langer und für viele Betroffene auch zu langer Weg war, bis sich die katholische Kirche endlich zu verbindlichen Kriterien für eine unabhängige Aufarbeitung durchringen konnte. Die Diskussion darüber in der Bischofskonferenz verlief mutmaßlich nicht spannungsfrei. Davon zeugt, wie schnell einzelne Oberhirten nach der 2018 veröffentlichten großen Studie, die das schockierende Ausmaß des Missbrauchs offengelegt hatte, für ihre Bistümer eigene Studien und Projekte initiierten, auch Kommissionen einsetzten. Aber aus bischöflichen Partikularinteressen ein gemeinsames Projekt auf Bundesebene zu schmieden, das fiel den Vertretern einer weltumspannenden Glaubensorganisation schwer.

weiterlesen