Eidechsen im Windkanal


  • Durch zwei Extremwetter-Ereignisse hat eine Eidechsenart in der Karibik in nur zwei Jahren stark ihr Aussehen verändert.
  • Forscher gehen davon aus, dass auch andere Wetterphänomene wie Dürren die Evolution von Tieren oder Pflanzen beschleunigen.

Tina Baier | Süddeutsche Zeitung

Foto: Colin M. Donihue. Eidechse während eines simulierten Hurrikans.

Mit dem Begriff „Evolution“ verbindet man normalerweise einen langsamen, Jahrmillionen dauernden Prozess, in dem sich beispielsweise der Mensch aus dem Affen entwickelt hat. Doch bei einer kleinen Eidechsenart, die auf Büschen und Bäumen in der Karibik lebt, läuft die Evolution viel schneller und wie im Zeitraffer ab. Auslöser für die rasanten Veränderungen im Aussehen der Tiere sind Hurrikane, wie ein internationales Forscherteam jetzt in der Zeitschrift PNAS berichtet.

Im Jahr 2017 reiste der Biologe Colin Donihue von der Washington University auf die karibischen Turks- und Caicos-Inseln, um dort den Bestand von Eidechsen der Art Anolis scriptus zu erfassen. Wenige Tage, nachdem er seine Arbeit beendet hatte und abgereist war, fegte Hurrikan Irma über die Inseln, zwei Wochen später folgte Maria. Als Donihue mit seinem Team kurz darauf zurückkehrte, um zu sehen, wie es seinen Forschungsobjekten ging, gab es auf beiden Inseln nur noch wenige Eidechsen. Die Biologen fingen einige der Überlebenden ein und untersuchten sie. Sofort fiel ihnen auf, dass die Tiere im Schnitt größere und griffigere Haftpolster an den Zehen hatten, als die Population, die vor den Stürmen auf den Inseln lebte. Die Haftpolster sind dazu da, dass sich die Tiere an Zweigen „festkleben“ und nicht herunterfallen. Eine plausible Erklärung schien deshalb zu sein, dass es Individuen mit kleinen Haftpolstern schlicht weggeweht hatte, weil sie sich nicht so gut festklammern konnten.

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