Corine Pelluchon: „Die radikalen Veränderungen, die nötig sind, brauchen Freiheit und nicht Zwang“


Mehr Experiment wagen: Die französische Philosophin Corine Pelluchon über die fatale Wirkung von Moralpredigten und die Aktualität von Rousseaus Tugendethik, wenn sich nun auf der Welt wirklich etwas ändern muss.

Michael Hesse | Frankfurter Rundschau

„Ich bin selbst Veganerin, aber ich halte keine Moralpredigt“, sagt Corine Pelluchon. © imago/Agencia EFE

Madame Pelluchon, die Welt ist in Unordnung geraten, das Corinavirus wirbelt alles mächtig durcheinander. Überrascht Sie die Heftigkeit des Geschehens?

Die Gründe dieser Krise sind keine Überraschung. In der Vergangenheit hat die Entwaldung und die Tatsache, dass wir den Lebensraum von Tieren zerstören, zu verschiedenen Epidemien beigetragen, wie zum Ebola-Virus oder zu Sars. Wilde Tiere, die Wirte von Viren sind wie Affen oder Fledermäuse, kommen uns immer näher. Wir sind verantwortlich für die Krise, auch wenn wir sie nicht wollten.

Sind wir stark genug für solche Herausforderungen?

Wir sind sehr schwach, sehr abhängig. Die Coronakrise zeigt, dass sich die Struktur unserer Verantwortung verändert hat. Durch die Globalisierung und die Technologisierung können wir nicht mehr direkt erkennen, wo wir Schäden anrichten. Ich hoffe, dass wir aus dieser Katastrophe lernen, denn es wird noch andere Pandemien geben. Wir sollten unsere Welt anders bewohnen.

Am Horizont wartet die gigantische Herausforderung des Klimawandels, der nun zunächst in den Hintergrund treten könnte. Ist es unsere Pflicht, etwas für das Wohlergehen der nächsten Generation zu tun?

Ich denke, ja, es ist unsere Pflicht, der nächsten Generation eine bewohnbare Welt zu übergeben. Jedoch ist es vielleicht nicht die beste Methode – wie „Fridays for Future“ das tut –, die Menschen abzuschrecken, indem man sie zwingen will, ihr Leben zu ändern. Es ist sehr wichtig, dass die Menschen sich nicht in einer Ablehnung isolieren oder sich als machtlos empfinden. Sie sollten Freude haben, ihren Lebensstil zu ändern. Mir scheint, dass Greta Thunberg, die ich bewundere, zu sehr den Zwang betont, was keine gute Strategie ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Übergang zu einem anderen Entwicklungsmodell nicht nur eine Bürde ist, sondern auch eine Chance für ein gerechteres Entwicklungsmodell. Es gibt viele gute Alternativen für unsere Zukunft.

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