Covid-19-Infektion soll Lebenserwartung um ein Jahrzehnt verkürzen

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Nach Studien über durch vorzeitigen Tod verlorene Lebensjahre kostet die Pandemie auch alten Menschen mit chronischen Vorerkrankungen viele Lebensjahre

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Wie gefährlich Covid-19 wirklich ist, bleibt weiter eine Angelegenheit von mehr oder weniger gut begründeten Schätzungen. Bislang schwanken die Zahlen erheblich, zumal repräsentative Stichproben fehlen, von denen sich die Dunkelziffer der Infizierten ablesen ließe. Mittlerweile ist allerdings klar, dass es in vielen Ländern zu einer Übersterblichkeit gekommen, weniger klar ist allerdings, ob diese ursächlich durch Covid-19 oder durch Nebenwirkungen (riskante oder wegen Ausrichtung von Covid-19 ausgebliebene Behandlungen, überlastete Gesundheitssysteme, unnötige Verlegungen in die Intensivstationen, aber vielleicht auch durch vermehrte Einsamkeit, Depressionen, Suizide, Gewalt etc.).

In einem Gespräch mit Spektrum sagt der Demograf Timothy Riffe, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max Planck Institut für Demographische Forschung: „Unbestritten ist, dass das Virus viele Todesfälle verursacht. Manche sind direkt darauf zurückzuführen, andere sind dadurch beschleunigt worden, und wieder andere sind unserer Reaktion auf das Virus geschuldet. Gleichzeitig wurden sicherlich einige Tode vermieden, die es sonst gegeben hätte, zum Beispiel durch Verkehrsunfälle. Wenn man sich in einiger Zeit die Todesstatistiken anschaut, wird man im Vergleich zu anderen Jahren eine Nettozunahme an Todesfällen feststellen. Diese Zunahme ist – in all ihrer Komplexität – der Pandemie zuzuschreiben.“

Riffe hebt hervor, dass Genaueres noch nicht bekannt ist, weil dafür zu wenige Daten vorliegen. Aber er ist der Überzeugung: „Es sterben deutlich mehr Menschen an Covid-19, als beispielsweise das Robert Koch-Institut herausgibt.“ Dessen Zahlen seien „eine grobe Unterschätzung der Sterblichkeit im Zusammenhang mit der Pandemie“. Und er bestreitet die Ansicht, dass alte Menschen, auch wenn sie Vorerkrankungen haben, gemeinhin mit oder ohne Sars-CoV-2 gestorben wären (Die Wirtschaft wird leben, auch wenn wir sterben müssen!).

Dabei verweist er auf eine am 23. April veröffentlichte Studie von schottischen Wissenschaftlern der University of Glasgow, der University of Edinburgh, von Public Health Scotland und Scottish Public Health Observatory. Sie haben anhand von 6801 Covid-Todesfällen in Italien, bei denen Vorerkrankungen bekannt sind, abgeschätzt, ob und wie viele Jahre sie vorzeitig gestorben sind. Nach deren Berechnungen sind die Männer 11 und die Frauen 13 Jahre vorzeitig gestorben.

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