Katholische Bischöfe in der NS-Zeit: „Ich würde es Kriegsbeihilfe nennen“


Die Deutsche Bischofskonferenz hat in der vergangenen Woche ein Schuldbekenntnis abgelegt – 75 Jahre nach Kriegsende. Ihre Vorgänger seien in den nationalen Zeitgeist verstrickt gewesen. Peter Bürger, Herausgeber von Predigten aus der NS-Zeit, sagt: „Die Kirchenspitze hat die Kriegsideologie gestützt“.

Peter Bürger im Gespräch mit Christiane Florin | Deutschlandfunk

Die Kirche kooperierte im Nationalsozialismus in weiten Teilen mit dem Regime (picture alliance / dpa)

Christiane Florin: Vor einer Woche haben die deutschen katholischen Bischöfe ein Schuldbekenntnis abgelegt. In dem Papier heißt es unter anderem: „Indem die Bischöfe dem Krieg kein eindeutiges Nein entgegenstellten, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten, machten sie sich mitschuldig am Krieg“. Die Bischöfe hatten während der NS-Zeit Gehorsam, Opferbereitschaft und Heldenmut an Front und Heimatfront gefordert, niemand aus der kirchlichen Führungsriege erhob laut die Stimme gegen den Mord an den Juden, auch das steht in der Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz.

Der Publizist Peter Bürger befasst sich seit vielen Jahren intensiv mit den Predigten in der Zeit des Nationalsozialismus, er hat mehrere Bücher und Textsammlungen herausgegeben, er ist zudem aktiv bei „Pax Christi“. Vieles von dem, was nun offiziell eingestanden wurde, war für alle, die sich damit beschäftigt haben, bekannt. Ich habe gestern mit ihm über die Rolle der katholischen Kirche vor und nach dem 8. Mai 1945 gesprochen und über das aktuelle Schuldeingeständnis der heutigen Bischöfe. Zunächst wollte ich von ihm wissen, wo die Schnittmengen zwischen der NS-Ideologie und dem Katholizismus der 30er- und 40er-Jahre waren.

Peter Bürger: Eigentlich muss man 60 Jahre zurückgehen, in das Erste Vatikanum. Da erklärt die römisch-katholische Kirche endgültig, dass sie ein absolutes Führerprinzip hat. Das heißt, dass sie von oben nach unten organisiert ist. Demokratie, Diskurs, Freiheit, Menschenrechte, Individualität, das sind alles Irrlehren für diese Kirche des Ersten Vatikanums. Da hat man natürlich eine Affinität zum Totalitären. Des Weiteren: Die Bewunderung des Faschismus. Pius XI. war ganz angetan von Mussolini. Und ein wichtiger Punkt: Mein Papa, groß geworden in der Weimarer Republik, hat das so ausgedrückt: „Über Juden hat unsere Geistlichkeit nie ein gutes Wort verloren.“ Die Schnittmenge war natürlich nicht die, einen Massenmord industriell zu begehen. Aber in den katholischen Lexika stand: Es gibt einen guten Antisemitismus, den vertreten wir, und eben einen schlechten, das ist der Rassen-Antisemitismus. Unterm Strich kann man sagen, so wie es der Staatsrechtler Böckenförde als junger Katholik 1960 gesagt hat: Man ist damit hausieren gegangen, dass das autoritäre Gesellschaftsmodell doch ganz hervorragend zum Katholizismus passt.

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