Freikirchen-Aussteigerin: „Ich habe in einem dystopischen Paralleluniversum gelebt“


Die Ausrichtung von evangelikalen Gemeinden reicht von liberal bis sehr konservativ. Anna, eine Aussteigerin, berichtet von ihrer Kindheit in einer „christlich-fundamentalistischen Sekte“

Vanessa Gaigg | DERSTANDARD

Eine junge Frau berichtet aus ihrer Kindheit in einer strengreligiösen Gemeinschaft. Foto: Heribert Corn

In Annas Kindheit fing jeder Tag mit dem Studium der Bibel an. „Ich habe ein Kapitel gelesen und mir dann darüber Gedanken gemacht, wie ich mich heute gottgefällig verhalten kann“, sagt die junge Frau. Obwohl ihre Kindheit nach außen hin behütet und schön ausgesehen habe, sei sie ständig von Angst bedrückt gewesen.

Für Anna war die Welt entlang einer strikten Linie eingeteilt: Auf der einen Seite waren die Guten, auf der anderen die Bösen. Alles war darauf ausgerichtet, es auf die gute Seite zu schaffen: „Wir hatten Angst vor dem Weltuntergang. Wir haben uns als schuldige Sünder gesehen“, sagt sie. „Ich habe in einem dystopischen Paralleluniversum gelebt.“

Evangelikale Vielfalt

Anna wuchs in einer evangelikalen Freikirche in Wien auf, dem Evangeliums-Zentrum – das sie als „christlich-fundamentalistische Sekte“ bezeichnet. Rund 300 Freikirchen mit etwa 50.000 bis 60.000 Mitgliedern gibt es in Österreich. Darunter sind auch kleine Gemeinschaften – im Prinzip kann jeder eine gründen. Manche sind liberal, andere sehr konservativ. Letztere schotten sich schlimmstenfalls komplett von der Außenwelt ab, wie etwa der Fall einer 13-Jährigen in Niederösterreich zeigt. Das Mädchen ist vergangenen September gestorben, weil die Eltern aus religiösen Gründen eine medizinische Behandlung verweigert hatten.

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