„Über den Tod sprechen“


Selten zuvor war der Tod so sichtbar wie jetzt. In der Corona-Krise manifestiert sich die Fragilität und Verletzlichkeit des menschlichen Lebens in aller Schärfe. Doch warum wird die Angst vor dem Sterben gerade jetzt so akut erfahren? Und warum nehmen wir gerade jetzt so vieles auf uns, um dem Tod zu entrinnen?

Valentin Widmann | TELEPOLIS

Pesthaube. Zum Schutz gegen die Pest trugen Ärzte ein Ledergewand mit Überwurf und eine Maske. In dem schnabelartigen Fortsatz befanden sich Kräuter oder Essigschwämme zum Filtern der Luft. Bild: Anagoria/CC BY-SA-3.0

Wir befinden uns in einer Krise – darin besteht kein Zweifel. Der Begriff „Krise“ leitet sich – wie übrigens auch das Wort „Kritik“ – vom altgriechischen Verb „krínein“ ab, was so viel heißt wie trennen, unterscheiden. Doch die jetzige Krise, die zweifellos paradigmatischen Charakter hat, zeichnet dennoch eine neue semantische Dimension.

Im Angesicht von Corona wird „die Krise“ – im tatsächlichen Sinne – zu einem Zustand, in dem die Fähigkeit zur Unterscheidung und zur differenzierten Beurteilung abhandengekommen ist. Paradigmatisch ist die Krise dennoch, weil sie eine existentielle und zugleich kollektive Krise ist. Sie betrifft die individuelle Existenz ebenso, wie die Sphäre des Gesellschaftlichen, des Gesundheitlichen, des Ökonomischen und des Politisch-Institutionellen. Sie ist – so könnte man sagen – allumfassend.

Dass in dieser Krise das Vermögen zur differenzierten Unterscheidung und Beurteilung – bei der Bevölkerung ebenso, wie in der Politik – verloren gegangen ist, hat auch damit zu tun, dass eine Epidemie eine sehr neue und für uns quasi unbekannte Situation ist. Denn es ist inzwischen gut 100 Jahre her, dass die spanische Grippe etwa 50 Millionen Menschen das Leben kostete. Dazukommt, dass Presse und Medien eine regelrechte Informationsflut über die Öffentlichkeit hereinbrechen ließen, was ein kritisches Filtern der Informationen oft sehr erschwerte und immer noch erschwert. Man zeigte uns Bilder von überfüllten Krankenhäusern, weinenden Pflegekräften und Ärzten, die am Ende ihrer Kräfte waren. Wir sahen Militärkonvois in Bergamo, die laufend zum Abtransport von Särgen herbeibeordert wurden und die Massengräber in New York, die zum Zwecke der Bestattung der Corona-Opfer ausgehoben wurden.

Wie hätte man mit diesen Szenen vor Augen auch glauben können, dass es sich wahrhaft nicht um die Pest handeln könnte?

Die Politik hat nach bestem Wissen und Gewissen reagiert und den staatsweiten Notstand ausgerufen. Sie hat das Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit gestillt. Wir haben unsere individuellen Freiheiten für die Gesundheit und für die Sicherheit vor dem Virus aufgegeben. Doch vielleicht ist es auch so, dass dieses starke Bedürfnis nach Sicherheit und die zweifelsohne erstaunlich große Bereitschaft, eigene Freiheiten aufzugeben, schon länger da waren – doch das sei nur am Rande bemerkt.

Angst vor dem Virus ist die Angst vor dem Tod und vor dem Sterben

Der kollektive Notstand und der mediale Konformismus ließen uns glauben, wir befänden uns tatsächlich im Krieg. Dazu passt es, dass in manchen Landesteilen Militärpatrouillen aufmarschierten. Auch viele Staatsoberhäupter und Medien bedienten sich dieser Tage einer martialischen Rhetorik und tun es zum Teil immer noch.

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