Die Wehrmacht und der Holocaust auf freiem Feld

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, unterzeichnet die zweite, ratifizierende Kapitulationsurkunde am 8./9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst. PD

Die SS war schlimm, die Wehrmacht sauber? Die Legende von der unschuldigen Wehrmacht war eine der Lebenslügen Deutschlands. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist es damit vorbei, sagt der Historiker Hannes Heer.

Oliver Pieper | DW

DW: Lange Zeit gab es in Deutschland den Mythos der sauberen Wehrmacht, nach dem Motto „Opa war in Ordnung“. Warum konnte sich dieses Narrativ so lange halten?

Hannes Heer: Millionen Wehrmachtssoldaten waren an den Verbrechen der Wehrmacht beteiligt – im Unterschied zu den etwa 250.000 SS-Leuten, die für den Holocaust verantwortlich waren. Mit dem Gedenken an den Holocaust hat es in Deutschland funktioniert. Aber mit den zehn Millionen Soldaten an der Ostfront, die mehr als 26 Millionen Sowjets umgebracht haben, war der Widerstand in der Gesellschaft sehr viel größer. Jeder hatte drei, vier, fünf Verwandte, die daran beteiligt waren.

Der zweite Punkt war der Kalte Krieg. Die US-Amerikaner brauchten dringend die Bundesrepublik als sicheren Bündnispartner an der Grenze gegen den Ostblock. Der Oberbefehlshaber über die US-amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland und spätere US-Präsident Dwight David Eisenhower hatte öffentlich einen Eid geschworen, dass man zwischen der Clique von Hitler und der Wehrmacht unterscheiden müsse und dass die deutschen Soldaten ihre Ehre nicht verloren hätten. Diese Statements haben dazu geführt, dass die Generäle der Wehrmacht aus den alliierten Kriegsgefängnissen entlassen wurden. Dieses Bild wurde auch jahrelang mit der Bundeswehr erhalten, die mit ehemaligen Offizieren und Generälen der Wehrmacht aufgebaut wurde.

Der Schriftsteller Heinrich Heinrich Böll zum Beispiel hat 1948 einen radikalen Antikriegsroman geschrieben, der an der Ostfront spielt, der aber nicht gedruckt wurde. Der Roman „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz von 1952 durfte nicht erscheinen. Erich Maria Remarque musste „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ völlig umarbeiten und es dann einem Lektor überlassen. Filme sind umsynchronisiert worden, zum Beispiel „Casablanca“: Da wurde der Widerstandskämpfer zum norwegischen Atomphysiker. Es ist alles gemacht worden, um so zu tun, als ob die Wehrmacht nur ihre patriotische Pflicht erfüllt hätte, und dafür mit Millionen Opfern auch hat bezahlen müssen.

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