Ehemaliger Nazi-Chefankläger Ferencz über Nationalismus: „Wir glorifizieren seit Jahrhunderten den Krieg“


Benjamin Ferencz führte als Chefankläger von 1947 an den Einsatzgruppen-Prozess in Nürnberg. Ein Gespräch über Nationalismus, Patriotismus und unvorstellbare Verbrechen.

Sebastian Moll | Frankfurter Rundschau

„Ich habe gewusst, dass das, was ich tue, richtig ist“, sagt Benjamin Ferencz, 100 Jahre alt – und bis heute ein leidenschaftlicher Streiter für den Frieden. © Brooks Kraft/ Getty Images

Benjamin Ferencz war gerade 27 Jahre alt, als er 1947 damit betraut wurde, als Hauptankläger im Nachfolgeprozess zu den Nürnberger Prozessen die Verbrechen der SS-Einsatztruppen aufzuklären, die in Polen und der Ukraine Hunderttausende von Juden ermordet hatten. In seiner späteren Laufbahn hat Ferencz maßgeblich an der Gründung des internationalen Strafgerichtshofes ICC in New York mitgewirkt. Heute ist Ferencz 100 Jahre alt, voller Energie – und hält auch in Zeiten der Pandemie das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs hoch.

Herr Ferencz. wie geht es Ihnen?

Ich kann Ihnen diese Frage für heute noch nicht beantworten. Ich mache gewöhnlich jeden Morgen 101 Liegestütze, für jedes meiner Lebensjahre eine. Danach kann ich dann sagen, wie es mir geht. Heute bin ich noch nicht dazu gekommen, Sie halten mich davon ab.

Am 8. Mai vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Können Sie sich an diesen Tag erinnern?

Ja, und zwar ganz genau. Ich war in Berchtesgaden. Ich habe ja damals schon für die US-Armee Kriegsverbrechen verfolgt und wir haben im Berghof Aktenschränke sichergestellt, nachdem die 101ste Luftlandetruppe Berchtesgaden eingenommen hatte.

Wie haben Sie den 8.Mai 1945 erlebt?

Wir wussten ja schon einige Wochen vorher, dass die Deutschen kapitulieren würden. Es gab in unserer Einheit deshalb keine großen Feiern. Wir wollten alle nur so schnell wie möglich nach Hause.

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