Jude in Deutschland: In Krisenzeiten erstarkt ein altes Feindbild – der Antisemitismus


Micha Brumlik analysiert mit dem Antisemitismus ein perfides Weltbild, das vor allem in Krisenzeiten Zulauf findet. So auch in der abgelaufenen Woche auf Demonstrationen.

Christian Thomas | Frankfurter Rundschau

Keine größere Krise in Wirtschaft und Gesellschaft, ohne dass, so die deprimierende Diagnose, ein altes Feindbild nicht Hochkonjunktur hätte. Nicht anders war es in den 1870er Jahren im deutschen Kaiserreich, unmittelbar im Anschluss an die Reichsgründung, 1871, als eine kolossale Wirtschaftskrise, auch sie bereits ein globales Phänomen, den Nationalstaat erfasste. Häufig als Gründer(zeit)krise bezeichnet, stürzte sie Deutschland in eine tiefe Depression, und das nicht nur ökonomisch, sondern auch mental.

Vorwurf eines „jüdischen Wirtschaftsliberalismus“ im Kaiserreich

Eine rücksichtslose Hochindustrialisierung hatte eine enorme Proletarisierung produziert, doch jetzt schnellte die Arbeitslosenquote hoch. Verunsicherte Mittelschichten, eine Polarisierung in Arm und Reich. Ganz offensichtlich hatte ein extensiver Liberalismus versagt, doch nicht ein enthemmter Kapitalismus wurde für die Misere verantwortlich gemacht. Vielmehr wurde der Vorwurf gegenüber einem „jüdischen Wirtschaftsliberalismus“ erhoben – laut. Unisono, schrill, ob von katholischer Seite, protestantisch-konservativer, reaktionärer, chauvinistischer oder aus Teilen der Arbeiterbewegung.

Der Antisemitismus im Kaiserreich stellte „eine paranoide Verarbeitung der durch die einbrechende Moderne und die Durchsetzung des Kapitalismus verursachten gesellschaftlichen Krisen dar“, schreibt Micha Brumlik in seinem schmalen Buch „Antisemitismus“, in dem er eine prägnante Analyse der Judenfeindschaft seit der Antike bis in die unmittelbare Gegenwart liefert – in die deutsche Gegenwart, von der absehbar ist, dass sie sich durch die Corona-Krise verändern wird.

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