Ist die Mystik die Zukunft des Glaubens?


Mystik ist weder Schwärmerei noch Esoterik. Vielmehr beschäftigt sie Glaubende seit Jahrhunderten und hat sie zu poetischen wie philosophischen Texten inspiriert. Die Hochzeit der christlichen Mystik ist schon ein paar hundert Jahre her, doch sie könnte sogar ein Weg für die Kirche der Zukunft sein.

Christoph Paul Hartmann | katholisch.de

Im Deutschen spricht man von ihr vor allem als Adjektiv: Was „mysteriös“ ist, steckt voller Geheimnis und ist manchmal auch ein bisschen unheimlich. Aber hinter der Mystik steckt noch mehr. Mystikerinnen und Mystiker wollen Gott erfahren. Sie beginnen eine Suche nach Erfahrungen und einer Begegnung.

Diese Suche ist schon sehr alt: In allen Religionen wollten Menschen mehr als nur eine abstrakte Ahnung davon, dass „da oben“ jemand ist. Schon die Bibel erzählt davon. So richtet Mose beim Zug durch die Wüste ein Zelt ein, das nur für die Begegnung mit Gott gedacht ist, der dem Volk Israel als Feuer- oder Wolkensäule erscheint: „Wenn das ganze Volk die Wolkensäule am Zelteingang stehen sah, erhoben sich alle und warfen sich vor ihren Zelten zu Boden, jeder am Eingang seines Zeltes. Der HERR und Mose redeten miteinander von Angesicht zu Angesicht, wie einer mit seinem Freund spricht“ (Ex 33,10f). Besonders dramatisch wird die Gottessuche in der Szene Elijas auf dem Berg Horeb. Der Prophet hat sich in die Wüste zurückgezogen und ist vierzig Tage und vierzig Nächte zum Berg gewandert. Dort trifft er auf Gott – aber anders als erwartet: „Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus. Doch der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der HERR war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der HERR war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln“ (1 Kön 19,11f). Gott offenbart sich in einer unscheinbaren Geste.

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