«Für wie blöd hält man uns eigentlich? Das ist alles Propaganda!»


Weltweit demonstrieren Menschen gegen die Corona-Massnahmen. Viele von ihnen glauben an Verschwörungstheorien. So auch ein Bekannter unseres Autors. Protokoll einer Radikalisierung.

Nils Pfändler | Neue Zürcher Zeitung

Demonstranten protestieren auf dem Sechseläutenplatz in Zürich gegen die Corona-Massnahmen des Bundes.  Simon Tanner/NZZ

Alles beginnt mit einem Video, das Sandro zufällig im Netz findet. Es zeigt die Folgen der neuartigen Lungenkrankheit im chinesischen Wuhan. Sandro macht sich Sorgen. «Was geht ab? Ist das ernst? Was denkt ihr? Sieht nicht gut aus», schreibt er Ende Januar in einem Facebook-Post.

Sandro, der eigentlich anders heisst, ist 37 Jahre alt und lebt in Zürich. Er hat einen sanften Blick, einen blonden Dreitagebart und eine Stimme, als würde Zigarettenrauch an seinen Worten hängen. Es ist uns beiden ein Rätsel, weshalb wir seit einigen Monaten auf Facebook befreundet sind. Vielleicht war eine flüchtige Begegnung der Grund, vielleicht auch nicht. Er schicke manchmal Facebook-Anfragen an Freunde von Freunden, um seine Reichweite zu vergrössern, sagt Sandro, als ich ihn bei unserem Treffen danach frage.

Seit Monaten beschäftigt er sich nur mit einem Thema: dem Coronavirus. Seine anfängliche Sorge kippt bald in Skepsis. Während sich die Pandemie auf dem ganzen Erdball verbreitet, wächst in Sandro die Gewissheit, dass es sich bei der Corona-Krise nicht um die Bekämpfung einer gefährlichen Krankheit handelt, sondern um die Verschwörung einer weltweiten Elite. Er gerät in wirtschaftliche Nöte und schliesslich in einen Strudel von Falschinformationen. Täglich verbringt er Stunden auf zweifelhaften Websites und verbreitet unzählige Artikel und Videos in den sozialen Netzwerken.

weiterlesen